Das Weltbild der Großen Mutter

Eine Zeit vor unserer Zeit

0. Einleitung

0.1 Das Patriarchat

Mit diesen Texten soll ein anderer Blick auf die Geschichte der Menschheit geworfen werden. Die folgenden Texte stellen den Versuch dar, das matriarchale Weltbild vorzustellen und eine Erklärung zum Untergang des Matriarchats und zur Durchsetzung des Patriarchats zu geben. Das Patriarchat (wörtlich: Väterherrschaft) beschreibt eine Gesellschaft, in der die sozialen Beziehungen, die Werte und Verhaltensmuster von Vätern und Männern geprägt, kontrolliert und repräsentiert werden. Deutlicher formuliert verstehe ich unter Patriarchat sowohl die patriarchale Religion (insbesondere Christentum, Judentum und Islam) und ihr Weltbild ls auch das patriarchale Gesellschaftssystem, das sich durch Hierarchie und Kriegertum auszeichnet. Die in der Geschichtswissenschaft verbreitete Sichtweise, dass es das Patriarchat schon immer gegeben hätte, wird infrage gestellt. Das Patriarchat ist weder ursprünglich, noch uralt. In der langen Menschheitsgeschichte (Geschichte des Homo) von 3 Millionen Jahren stellt das Patriarchat nur eine kurze Etappe von ca. 5.000 Jahren dar. Die längste Zeit der Menschheitsgeschichte haben die Menschen friedlich und gleichberechtigt zusammengelebt. Das Patriarchat kam erst mit den Viehzüchternomaden und mit ihnen kamen Krieg, Herrschaft, Privateigentum, Sklaverei, Frauenhandel, Kindesmissbrauch, Tierquälerei. Das Patriarchat sehe ich als die zentrale Ursache für Gewalt und Krieg an.  

0.2. Das Matriarchat

Unter Matriarchat verstehe ich sowohl ein spirituelles Weltbild als auch ein Gesellschaftssystem, konkret, das des Totemismus. (s. Kapitel 7) Trotz aller Kontroversen um den Begriff Matriarchat werde ich die lange friedliche Epoche der Menschheitsgeschichte, die dem Patriarchat vorausgegangen ist, als Matriarchat bezeichnen. Ich halte an diesem Begriff fest, um damit seine Bedeutung als Gegenmodell zum Patriarchat deutlich zu machen. Das Matriarchat ist aber keine Umkehrung des Patriarchats im Sinne einer Umkehrung von Herrschaft. Entgegen einer weit verbreiteten Auffassung bedeutet Matriarchat gerade nicht die Herrschaft von Müttern oder die Herrschaft von Frauen, sondern die Abwesenheit von Herrschaft. Der Definition von Heide Göttner-Abendroth folgend, verstehe ich Matriarchate als friedliche und egalitäre Gesellschaften, die nach dem Konsensprinzip funktionieren. Matriarchale Gesellschaften sind clanmäßig in mütterlicher Linie organisiert. Als Eigentumsverhältnisse kennen sie nur Gemeinschaftseigentum und bis auf wenige persönliche Gegenstände keinen Privatbesitz. Matriarchale Gesellschaften sind spirituelle Gesellschaften mit einer Naturreligion, in deren Zentrum die tier-menschliche Ahnmutter oder Große Mutter steht. Bei dieser Definition von Matriarchat weist Göttner-Abendroth auf die Doppelbedeutung des griechischen Wortes arche hin, das sowohl "Herrschaft" als auch "am Anfang" bedeutet. In diesem Sinne ist der Begriff Matriarchat zu übersetzen mit „am Anfang die Mütter“.  

0.3. Große Mutter oder Göttin?

In Matriarchatskreisen werden die Begriffe „Große Mutter“ versus „Göttin“ kontrovers diskutiert. Insofern in der Literatur von einer „matriarchalen Göttin“ die Rede ist, betrachte ich dies als eine Konzession gegenüber unserem patriarchalen Vorverständnis von Religion. In der vorherrschenden Wissenschaft besteht nämlich die Tendenz der Abwertung und des Kleinredens, wenn von der „Großen Mutter“ oder gar der „tier-menschlichen Ahnmutter“ und ihrer Spiritualität die Rede ist. Als bedeutsam werden nur die patriarchalen Götter und die patriarchalen Religionen mit ihrem ausgeprägten hierarchischen System angesehen, wobei interessanterweise der Begriff Hierarchie seinen Ursprung in der patriarchalen Religion hat. Obwohl ich im matriarchalen Totemismus eigentlich die ursprünglichste Form von Religion sehe, halte ich die Begriffe Religion, Göttin und Gott für derart patriarchal vorgeprägt, dass ich nicht von einer matriarchalen Religion und nicht von einer matriarchaler Göttin sprechen möchte. In Abgrenzung von der patriarchalen Religion werde ich die Begriffe matriarchale Spiritualität und „Großer Mutter“ bzw. tier-menschlicher Ahnmutter verwenden. Die Begriffe Göttinnen und Götter werden sich nur auf patriarchale Religionen beziehen. Die Götter sind eine Erfindung des Patriarchats, wie es Gerhard Bott in seinem Buch „Die Erfindung der Götter“ treffend formuliert hat. (Gerhard Bott, Die Erfindung der Götter. Essays zur politischen Theologie) Da sich im Frühpatriarchat die „Große Mutter“ nicht so einfach aus dem kollektiven Bewusstsein verbannen ließ, wurde sie raffiniert zur „Gattin“ und somit „Göttin“ eines patriarchalen Gottes umgedeutet, zugleich aber mit minderem Einfluss innerhalb des patriarchalen Götterhimmels. Sie wurde zwar selbst zur Göttin aber auch zunehmend zu einer Vertreterin patriarchaler Werte.

0.4. Das matriarchale Weltbild

Unter Weltbild verstehe ich kein naturwissenschaftliches Weltbild, sondern Grundannahmen über die Welt, die unserem Denken, Handeln und Fühlen zugrunde liegen. Diese Grundannahmen müssen uns nicht bewusst sein, doch sie lassen sich aus unserem Denken, Fühlen und Handeln erschließen. Grundannahmen aus dem „Weltbild der Großen Mutter“ sind z. B. die „Einheit der Welt“ und „die  „Verbundenheit der Welt“, „Alles ist eins“ bzw. „alles ist miteinander verbunden“, anschaulich symbolisiert z. B.  in einer Netzstruktur.     

0.5 . Das patriarchale Weltbild

Ein Kernsatz dieses patriarchalen Weltbildes ist die Aufforderung des biblischen Gottes im Garten Eden Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und macht sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“ (1. Buch Moses: 1, 28) Dieser auf den ersten Blick harmlos wirkende Satz ist die Kampfansage des biblischen Jahwe gegenüber der gesamten Natur. Das ist eine der Wurzeln unseres kollektives Bewusstseins. Es ist ein Bewusstsein ohne Mitgefühl gegenüber der Natur, getrieben von einer unbewussten Todesangst und dem zwanghaften Bedürfnis nach Macht und Herrschaft.   

0.6. Das Einlassen auf das matriarchale Weltbild 

Unser alltägliches Denken ist geprägt vom patriarchalen Weltbild, auch dann, wenn wir uns dessen nicht bewusst sind und selbst dann, wenn wir das patriarchale Weltbild hinterfragen wollen. Das ist der Ausgangspunkt unseres Denkens. Mit dem Einlassen auf das matriarchale Weltbild begeben wir uns auf eine neue (eigentlich alte) Bewusstseinsebene. Das matriarchale Weltbild ist aus unserem kollektiven Bewusstsein verdrängt worden. Dieses Hin- und Her-wechseln zwischen beiden  Bewusstseinsebenen lässt sich mit dem Betrachten eines Vexierbildes vergleichen, bei dem unsere Wahrnehmung beständig zwischen zwei Sichtweisen hin und her kippt, mal sehen wir eine alte Frau mit Kopftuch, mal die junge Frau mit Hut. (Bild: Vexierbild)

0.7. Das Verständnis der Mythen

Die Mythen im Sinne individualpsychologischer Fragestellungen zu interpretieren, ist eine verbreitete Methode, sowohl in der Populär- als auch in der psychologischen Fachliteratur. Als Psychologin wäre also diese Herangehensweise durchaus naheliegend, doch mein Verständnis der Mythen ist ein anderes. Ich verstehe die Mythen als historische, aber patriarchal entstellte Überlieferungen, was ich anhand von archäologischen und ethnologischen Befunden untermauern möchte. Als die ursprüngliche Form des Mythos betrachte ich den Schöpfungs- und Herkunftsmythos der matriarchalen Gesellschaften. Doch mit der Entstehung des Patriarchats haben Mythen eine andere Funktion bekommen. Ihre Aufgabe war nun nicht mehr die der Welterklärung, sondern sie dienten der Legitimierung von Herrschaft. Zu diesem Zweck sind die alten Mythen umgearbeitet worden. Gerhard Bott bezeichnet diesen Typus als kratonische Mythen (abgeleitet von dem griechischen Wort kratein = herrschen) (Gerhard Bott, Die Erfindung der Götter. Essays zur politischen Theologie)