Das Weltbild der Großen Mutter

Eine Zeit vor unserer Zeit

4. 2. Die Sintflut - Die Mythen - Die patriarchale Irreführung

    

   4-2-1 Die Sintflut - Die Sintflut-Mythen - Die Deutungsmethode    
   Die meeresgeologischen Forschungsergebnisse, die ich im vorherigen Kapitel (4-1) zusammengefasst habe, erlauben es uns erstmals, in Bezug auf die biblische Sintflut konkrete Vorstellungen zu entwickeln. Wir haben Bilder vom Durchbruch einer ehemaligen Landbrücke am Bosporus, von der Überschwemmung einer ehemals großen Ebene nördlich des Schwarzen Meeres, von Erdbeben in ganz Anatolien und von einem Ausbruch des Vulkans Nemrut Dağhı am Vansee in Ost-Anatolien. Damit ist die Sintflut plötzlich keine fiktive Erzählung mehr, mit der wir lediglich Bilder von Phantasielandschaften verbinden. Die Lokalisierung am Schwarzen Meer und in Ostanatolien, sowie die zeitliche Einordnung in der Jungsteinzeit um 5.500 v. u Z. ermöglichen es außerdem, die Sintflut mit archäologischen Funden in Beziehung zu setzen. In den folgenden Kapiteln (4-2 bis 4-11) soll es um die weitere Rekonstruktion der Sintflut unter Heranziehung der Informationen aus den Sintflut-Mythen gehen. Die Sintflut-Mythen bestätigen und ergänzen die geologischen Erkenntnisse darüber, wo und wie die Sintflut sich ereignet hat. Auf die archäologischen Funde selbst soll erst in späteren Kapiteln (Kap. 4-12 und Kap. 8) eingegangen werden. Für die Interpretation der Mythen ist es jedoch erforderlich, ein wichtiges Ergebnis der archäologischen Funde hier schon vorwegzunehmen. Alle archäologischen Funde aus der Zeit vor der Sintflut weisen in dieselbe Richtung: Die vorsintflutlichen Gesellschaften sind friedlich gewesen, es gibt keine Hinweise auf Gewalt. Erst in einem beträchtlichen zeitlichen Abstand zur Sintflut weisen die archäologischen Funde auf Gewaltstrukturen in den damaligen Gesellschaften hin. In Anbetracht der heutigen psychologischen Erkenntnisse über die Entstehung innerer und äußerer Gewaltstrukturen, ist diese Fundsituation so zu interpretieren, dass die Sintflut neben der Zerstörung vielfältigen Lebens, auch eine Gruppe schwer traumatisierter Menschen hervorgebracht hat, welche die Keimzelle späterer kranker Gewaltsysteme (=Patriarchat) gebildet haben. Auf diesen Umbruch in der Menschheitsgeschichte weisen nicht nur die archäologischen Funde, sondern auch die Umdeutungen in den Sintflut-Mythen hin. Trotz aller Entstellungen sind in den Sintflut-Mythen versteckte Informationen enthalten, wie es zur Entstehung des Patriarchats gekommen ist.    Bei meiner Interpretation der Sintflut-Mythen werde ich die psychoanalytischen Deutungsmuster aus der Traumdeutung anwenden. Trotz dieser psychoanalytischen Methode werde ich keine psychologische Interpretation der Mythen vornehmen, sondern eine historische. Bei der patriarchalen Umdeutung der historischen Wahrheit in den Mythen, lassen sich dieselben Muster erkennen, wie bei der Abwehr der individuellen Wahrheit in den Biographien. Die heutzutage aufgrund der Radiokarbondatierung relativ genauen Zeitangaben liefern den entscheidenden Referenzpunkt bei der Identifizierung der patriarchalen Umdeutungen in den Mythen. Diese neuen Datierungsmethoden, sowohl bei den geologischen Fundstücken, als auch bei den archäologischen Fundstücken, lassen Aussagen darüber zu, wie die gesellschaftlichen Verhältnisse vor und nach der Sintflut ausgesehen haben dürften und bringen dadurch die tendenziösen Verdrehungen in den Mythen zutage.   

   4-2-2 Die Sintflut - Die Sintflut-Mythen - Kosmogonische und kratogonische Mythen  
Mein Mythen-Verständnis unterscheidet sich von der vorherrschenden wissenschaftlichen Auffassung, derzufolge Mythen lediglich als kreative Produkte des Unbewussten anzusehen sind. Im Unterschied zu diesem Mythenverständnis der herkömmlichen Literaturwissenschaften gehe ich davon aus, dass die ursprünglichen Mythen historische Ereignisse beschrieben haben und dass sich diese trotz aller Entstellungen rekonstruieren lassen. Weiterhin nehme ich an, dass die Umdeutungen der Mythen eine politische Funktion hatten. Nach dem üblichen Mythenverständnis hingegen werden spätere Umdeutungen entweder als ein Akt schöpferischer Freiheit des jeweiligen Verfassers verstanden oder aus dem Unverständnis nachfolgender Generationen erklärt. Mit meinem abweichenden Mythen-Verständnis beziehe ich mich u. a. auf Gerhard Bott, der zwischen kosmogonischen und kratogonischen Mythen unterscheidet. Als kosmogonische Mythen definiert er solche Mythen, die die Entstehung der Welt oder die Herkunft einer Gemeinschaft erklären sollen. Unter kratogonischen Mythen hingegen versteht Bott jene Mythen, die die Herrschaft der Herrschenden als göttlich legitimieren sollen. (Bott, Gerhard: Die Erfindung der Götter, S. 230-231 ) Typischerweise wird diese Legitimierung dadurch herzustellen versucht, indem in den Mythen die göttliche Herkunft der Herrschenden behauptet wird. Ich halte es für ausreichend, hier von matriarchalen und patriarchalen Mythen zu sprechen, anstatt die zusätzlichen Begriffe kosmogonische und kratogonische Mythen (griech. kratein = herrschen, Herrschaft) einzuführen. Nach meinem Verständnis stellen die kosmogonischen Mythen den älteren Typus von Mythen dar, die mit den Ursprungs-Mythen bzw. Herkunfts-Mythen der matriarchalen Ur-Völker gleichzusetzen sind. Mit dieser Gleichsetzung weiche ich von Botts Mythenverständnis ab. (Bott, Gerhard: Die Erfindung der Götter, S. 234).
 
   4-2-3 Die Sintflut – Die ursprünglichen Sintflut-Mythen – Ursprungs- und Herkunftsmythen  
Das Drama der
Sintflut um 5.500 v. u. Z. ist ein Ereignis, das sich im kollektiven Gedächtnis der Menschheit eingegraben hat. Diese Katastrophe ist für die Menschen der Jungsteinzeit eine derart erschütternde Erfahrung gewesen, dass sie sich in vielen Mythen niedergeschlagen hat und so über die Jahrtausende an die Nachwelt weitergegeben wurde. Ich wage sogar, zu behaupten, dass die überwiegende Mehrzahl der mythischen Bilder in Europa und im Vorderen Orient auf die ursprünglichen Sintflut-Mythen zurückzuführen sind. Diese ursprünglichen Sintflut-Mythen waren gleichermaßen Ursprungsmythen (>Woher kommen wir?<), da sie ja die Flucht der Überlebenden aus dem Sintflut-Gebiet schilderten, womit sie auch über den Ursprungs- oder Herkunftsort der jeweiligen Gemeinschaft berichteten. In gewisser Weise war es überhaupt das 1. Mal in der Menschheitsgeschichte, dass einzelne Gruppen Geschichten über ihren Ursprungsort oder Herkunftsort erzählen konnten, denn die Sesshaftigkeit hatte sich erst in den letzten Jahrtausenden vor der Sintflut (Zeitraum zwischen 10.000 und 5.500 v. u. Z.) entwickelt. Diese ursprünglichen Sintflut-Mythen bezeichne ich auch als matriarchale Mythen, da sie auf matriarchale Kulturen zurückgehen, denn bis zur Etablierung erster patriarchaler Kulturen nach der Sintflut dürfte es etliche Jahrhunderte, wenn nicht 1 Jahrtausend (bspw. Das erste Herrschergrab von Varna, 4.500 v.u.Z) gedauert haben.
 
   4-2-4 Die Sintflut - Die entstellen Sintflut-Mythen - Die ausgewählten Mythen    
Die ursprünglichen Sintflut-Mythen stellten für die patriarchalen Mythen-Schreiber einen schier
unerschöpflichen Fundus dar, dem sie Versatzstücke entnehmen konnten, um daraus ihr patriarchales Weltbild zusammen zu setzten. Den schriftlichen Umarbeitungen der Mythen zu Propaganda-Zwecken stellten sich in patriarchalen Gesellschaften keine Hindernisse entgegen, da Schreiben und Lesen zu den ausschließlichen Privilegien der Herrschenden gehörten. Aus den ursprünglichen matriarchalen Sintflut-Mythen machten sie ihre patriarchalen Schöpfungs-Mythen mit einem strafenden Gott, ihre patriarchalen Abstammungsmythen mit einem von Gott auserwählten Stammvater und ihre Helden-Epen mit ihren halb-göttlichen, aggressiven Helden.
   Meine Analyse der Sintflut-Mythen umfasst die jüdischen Überlieferungen in der Bibel (1. Buch Mose = Genesis), das babylonische Gilgamesch-Epos, den babylonischen Schöpfungsmythos Enuma Elisch, den griechischen Atlantis-Mythos und den hethitische Kumarbi-Mythos. Wenn im folgenden Text der Einfachheit halber von Sintflut-Mythen die Rede ist, sind auch jene Mythen mitgemeint, welche die dazugehörigen anderen Naturkatastrophen (Erdbeben, Vulkanausbruch) der Sintflut zum Inhalt haben. Obwohl die hier analysierten Sintflut-Mythen alle auf die Ereignisse um 5.500 v. u. Z. zurückgehen, variieren sie im Zeitpunkt ihrer schriftlichen Aufzeichnung und auch im Ausmaß ihrer Veränderung des ursprünglichen Sintflut-Mythos. Einige dieser Mythen sind auf den ersten Blick nicht als Sintflut-Mythen zu erkennen oder werden üblicherweise auch nicht als solche aufgefasst. So wird bspw. im Atlantis-Mythos zwar eine große Flut beschrieben, die zum Untergang der sagenhaften Insel Atlantis geführt hat, was aber gemeinhin nicht mit der biblischen Sintflut in Verbindung gebracht wird.
 
   4-2-5 Die Sintflut - Die entstellten Sintflut-Mythen - Die Bibel - Das 1. Buch Mose    
Der
biblische Sintflut-Bericht mit der Arche Noah steht in der Bibel im 1. Buch Mose. Abgesehen von diesem >offiziellen< Sintflut-Bericht, wie ich ihn zur Unterscheidung von den anderen nennen will, finden sich im 1. Buch Mose weitere Erzählungen, die ich ebenfalls als entstellte Sintflut-Berichte ansehe. In der herkömmlichen Bibelauslegung werden diese anderen Erzählungen aus dem 1. Buch Mose in keinerlei Verbindung mit der Sintflut gesehen. Ich meine hier die bekannten biblischen Geschichten von Adam und Eva im Garten Eden, von den beiden Brüdern Kain und Abel, vom Turmbau zu Babel, vom jüdischen Stammvater Abraham, von Lot und Lots Frau. In der Oberflächenstruktur dieser Erzählungen ist der Bezug zur Sintflut nicht zu finden. Es werden weder Überschwemmungen noch andere Naturkatastrophen geschildert. Doch die Analyse der Strafen, womit der zornige Gott die unfolgsamen Menschen heimsucht, bringt die Ähnlichkeit mit einem Vulkanausbruch zutage. Zwar sind es nur knappe Beschreibungen und symbolische Verfremdungen (flammende Schwerter), doch sie fügen sich ein in das Bild vom Vulkanausbruch in Ost-Anatolien, der zusammen mit einem Erdbeben und der Sintflut am Schwarzen Meer das Gesamtbild der damaligen Katastrophe ausmacht.

      4-2-6 Die Sintflut - Die entstellten Sintflut-Mythen - Das Gilgamesch-Epos    
Ähnlich wie bei den biblischen Erzählungen, gibt es auch zum
Gilgamesch-Epos ein gängiges Vorverständnis, wovon meine Sicht abweicht, weshalb ich hier kurz darauf eingehen möchte. Gemeinhin wird das Gilgamesch-Epos als die >früheste schriftliche Überlieferung< (ca. 2.400 - 1.800 v. u. Z.) angesehen. In ihm ist auch der sumerisch-babylonische Sintflut-Mythos enthalten, der mehr als 1.000 Jahre älter als der biblische Sintflut-Bericht ist. Es wird allgemein angenommen, dass den biblischen Schriftgelehrten die verschiedenen babylonischen Mythen bekannt gewesen sind und sie daraus den biblischen Sintflut-Bericht übernommen haben. Es könnte allerdings auch sein, dass die Israeliten ihre eigenen Sintflut-Mythen hatten, was die anderen Erzählungen aus dem 1. Buch Mose nahelegen, die ich ebenfalls als entstellte Sintflut-Mythen ansehe. Das Gilgamesch-Epos wird in den Literaturwissenschaften nicht nur als die „früheste schriftliche Überlieferung“ bezeichnet, sondern in ihm wird auch der Prototyp des >Helden-Epos< gesehen. Mit dieser üblichen Einordnung in die Kategorie >Helden-Epos< wird der Fokus auf die jüngeren Textbearbeitungen gelegt, während ich mich im Hinblick auf die hier verfolgte Fragestellung vor allem auf die älteren Textfragmente beziehe, die als der sumerisch-babylonische Sintflut-Mythos bezeichnet werden. Bei den gegenwärtig üblichen Interpretationen dieses >Helden-Epos< wird die im babylonischen Text vorhandene Glorifizierung des „Helden“ übernommen und die Interpreten benennen nicht, was Gilgamesch im Grunde ist, ein hemmungslos mordender Schlächter. Die Brutalität von Gilgamesch wird verharmlost, stattdessen wird in bildungsbürgerlicher Abwehr der >Tiefsinn< des Epos gelobt. Der verzweifelten Sinnsuche von Gilgamesch wird menschliche Allgemeingültigkeit zugeschrieben, da Gilgamesch nach all seinen Irrwegen am Ende seiner Entwicklung angeblich Weisheit erlangt haben soll. Doch seine angebliche Weisheit erweist sich vielmehr als krankhafter Narzissmus. Da auch Gilgamesch die ersehnte Unsterblichkeit nicht erringen kann, will er sich durch den Bau der Mauer von Uruk einen unsterblichen Namen in der Nachwelt machen. Für seinen Wunsch nach Unsterblichkeit im kollektiven menschlichen Gedächtnis setzt Gilgamesch rücksichtslose Gewalt ein und zwingt die Menschen von Uruk in brutale Knechtschaft und Zwangsarbeit.

      4-2-7 Die Sintflut - Die entstellten Sintflut-Mythen - Der politische Zweck der Umdeutungen  
Die Lokalisierung der biblischen Sintflut am Schwarzen Meer und in Ost-Anatolien durch die meeresgeologischen und vulkanologischen Ergebnisse, ist für sich genommen schon eine sehr spannende Geschichte. Zusätzlich spannend wird es dadurch, dass sich die Lokalisierung anhand der geologischen Untersuchungen durch die Ortsangaben in den Mythen bestätigen lässt, was ich im folgenden aufzeigen werde. Doch am spannendsten finde ich die Feststellung der patriarchalen Umdeutungen in den Mythen und die Frage, welcher Zweck mit der patriarchalen Umdeutung der ursprünglichen Sintflut-Mythen verfolgt wurde. Ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass mit der Umdeutung der ursprünglichen Flut-Mythen jegliche Erinnerung an das Zeitalter vor der Sintflut aus dem menschlichen Gedächtnis ausgelöscht werden sollte. Dieses Zeitalter ist dadurch für die späteren Generationen zu einer entrückten Epoche geworden, zu >einer Zeit vor unserer Zeit<, von der wir nicht viel mehr als ihren Namen kennen. Es ist jenes sagenhafte >Goldene Zeitalter<, von dem überliefert ist, dass es ein friedliches Zeitalter gewesen sein soll. Diese, von den patriarchalen Eliten beabsichtigte, Löschung der Erinnerung an das Goldene Zeitalter aus dem kollektiven Gedächtnis, ist auch weitgehend gelungen. Schon zur Zeit der sumerischen Hochkultur (ab 3.500 v.u.Z.) hat die vorsintflutliche Zeit als ein fernes >mythisches Zeitalter< gegolten. Bis heute hält es kaum jemand für wahrscheinlich, dass das Goldenes Zeitalter wirklich existiert hat, ebenso wenig, wie an die Existenz eines matriarchalen Zeitalters geglaubt wird, wobei ich beide Zeitalter für identisch ansehe.

      4-2-8 Die Sintflut - Die entstellten Sintflut-Mythen - Die wesentlichen Irreführungen  
Bei genauer Analyse erweist sich die
patriarchale Propaganda als ein ungeheuerlicher Lügenapparat. Das Gewahr-werden dieser patriarchalen Verdrehungen in den Sintflut-Mythen ist eine beängistende Erkenntnis, die einem Schwindelgefühle verursachen kann. Nebenbei bemerkt, diese Verdrehungen erinnern nicht zufällig an die heutigen Fake-News. Genau das, Unkenntnis, Verwirrung und Angst bei den geknechteten Menschen zu erzeugen, ist ja auch damals schon das Ziel dieser Verdrehungen gewesen. Insbesondere durch die Überprüfung der archäologischen Fakten aus der Zeit vor der Sintflut (vor 5.500 v. u. Z.) lässt sich die behauptete vorsintflutliche Verderbtheit der Menschen als raffinierte und böswillige Verdrehung von Tatsachen entlarven. Die patriarchalen Umdeutungen haben, wie gesagt, den Effekt eines gigantischen Verwirrspieles. Damit in diesem Wirrwarr eine gewisse Übersichtlichkeit behalten werden kann, will ich die patriarchalen Irreführungen vorab thesenartig zusammenfassen und der weiteren Analyse voranstellen.

    1. Irreführung: Es wurde alles daran gesetzt, die Erinnerung an das vorsintflutliche Goldene Zeitalter aus dem Gedächtnis der Menschen auszulöschen, sämtliche Symbole aus dem Goldenen Zeitalter (z. B. der Goldene Apfel) haben eine Umdeutung erfahren. (Goldenes Zeitalter und matriarchales Zeitalter werden hier als synonyme Begriffe betrachtet).
 
   2. Irreführung: Es wurde behauptet, dass das vorsintflutlich Zeitalter ein verwerfliches Zeitalter gewesen sei, dass die vorsintflutlichen Menschen böse und verdorben gewesen seien. (Was falsch ist, die archäologischen Funde belegen ein friedliches Zeitalter vor der Sintflut.)
 
   3. Irreführung: Es wurde behauptet, die Sintflut sei die gerechte Strafe für jenes bösartige vorsintflutliche Menschengeschlecht gewesen. (Was falsch ist; die Sintflut war eine Naturkatastrophe, die durch eine Klimaerwärmung verursacht war und die in keinem ursächlichen Zusammenhang mit der Lebensführung der vorsintflutlichen Menschen stand.)
 
  4. Irreführung: Es wurde geschickt vertuscht, dass es sich bei der geschilderten Boshaftigkeit der Menschen, um ein nachsintflutliches und patriarchales Phänomen handelt. Die Traumatisierungen der früh-patriarchalen Gruppen äußerten sich u. a. in einem unermesslichen Hass auf alles Sinnliche, Körperliche und Lebensbejahende, was bis sich bis heute in den religiösen Texten und den Praktiken der patriarchalen Religionen widerspiegelt. Konkret ist diese gesellschaftliche Reproduktion von moralischer Schlechtigkeit mit den nachsintflutlichen Viehzüchtern aufgekommen, die aufgrund ihrer grausamen Erziehungspraktiken eine äußerst aggressiven Form von Männlichkeit hervorbrachten und die damit Terror, Sklaverei und Krieg auf fast der ganzen Welt verbreitet haben.
 
   5. Irreführung: Es wurde behauptet, dass die vorsintflutliche Kultur vollständig ausgelöscht worden sei, da nur Noah und seine Familie überlebt haben sollen. (Was falsch ist, viele matriarchale Kulturen und somit auch das Goldene Zeitalter haben auch nach der Sintflut weiter existiert).
 
   6. Irreführung: Eine Irreführung späterer Zeit betrifft den Namen Sintflut selbst. Der deutsche Klerus hat es geschickt verstanden, das Wort Sintflut mit dem Begriff der Sünde und damit auch mit der Vorstellung von göttlicher Strafe in Verbindung zu bringen. Doch ähnlich wie das Wort sinte-mal geht auch das Wort Sint-Flut auf die althochdeutsche Wurzel sin zurück und ist mit dem lateinischen Wort semper (=immer) verwandt. Die Sintflut ist deshalb nicht als >Sünd-Flut< zu verstehen, sie hat keine etymologische Verwandtschaft mit dem Wort Sünde, sondern als >Sinte-Flut< im Sinne einer allumfassenden, endgültigen Flut. (Schoppe und Schoppe: Atlantis und die Sintflut, S. 8)
 
   4-2-9 Die Sintflut - Die entstellten Sintflut-Mythen – Die Muster der Umdeutungen    
Um ein leichteres Verständnis der nachfolgenden
Rekonstruktion der ursprünglichen Sintflut-Mythen zu gewährleisten, werde ich die wichtigsten Muster der Umdeutungen schon mal vorab zusammenfassen. Ähnlich wie bei der neurotischen Abwehr in den Krankengeschichten, lassen sich auch bei der literarischen Umdeutung der Sintflut-Mythen Scheinbegründungen (=Rationalisierungen) ausmachen, deren Ziel es ist, die eigentlichen Zusammenhänge abzuwehren, bzw. zu entstellen. Die patriarchalen Mythenschreiber haben sich verschiedener Verschiebungsmechanismen bedient. Bei der Rekonstruktion der ursprünglichen Flut-Mythen bediene ich mich, wie gesagt, jener Deutungsmuster, die auch bei der psychoanalytischen Traumdeutung angewandt werden.

   1) Verschiebungen des Ortes: Die Naturkatastrophe und die damit zusammenhängenden Ereignisse wurden in der Bibel von Orten in Ostanatolien nach Südmesopotamien verschoben (aus Babel wird Babylon, aus Urfa wird Ur) Die Verschiebung des Ortes ist auch aus Träumen bekannt, wenn Kindheitserlebnisse, die im Traum verarbeitet werden, vom Ort der Kindheit an den Wohnort der erwachsenen Person verlagert werden.)
 
   2) Verschiebungen in der Zeit: (Aus Gleichzeitigkeit wurde Ungleichzeitigkeit.) Die Sintflut-Mythen, die alle Ereignisse beschreiben, die aus der gleichen Zeit stammen, wurden in der Bibel zu einem geschichtlichen Nacheinander umgearbeitet. Es wurde eine Geschichte der Menschheit und eine Geschicht des Volkes Israel mit seinem Stammvater Abraham daraus konstruiert. Ähnliche zeitliche Entstellungen gibt es auch in den Träumen, häufig entgegengesetzt: Kindheitserlebnisse und aktuelle Erlebnisse werden im Traum zu gleichzeitigen Ereignissen verarbeitet. (Aus Ungleichzeitigkeit wird Gleichzeitigkeit)
 
   3) Ersetzung durch Scheinbegründungen: Das Motiv einer Handlung wird durch ein nur vorgegebenes, ein scheinbares Motiv ersetzt. Dieser Mechanismus findet sich in den Erzählungen im 1. Buch Mose (Bibel). Das eigentliche Fluchtmotiv der Überlebenden (= Adam und Eva, Kain und Abel, die Menschen aus Babel, Abraham und Lot), nämlich ihre Flucht vor der Naturkatastrophe, wird durch Scheinbegründungen (Strafe Gottes, Umzug) ersetzt.
 
   4) Verkehrung von Ursache und Folge: Bei diesem Mechanismus wird der Ablauf der Ereignisse in einer verdrehten Reihenfolge geschildert. Die Sprachverwirrung (=Sprachenvielfalt) wird als Ursache der Flucht aus Babel angegeben. Historisch betrachtet ist aber die Sprachenvielfalt eine späte Folge der Flucht aus dem Sintflutgebiet gewesen.
 
   5) Verkehrung ins Gegenteil: Dieser Mechanismus bedeutet, dass eine Handlung in ihr Gegenteil verkehrt wird. Im Traum kann bzw. ein reales Versagen zu einem Erfolg verkehrt werden. In den patriarchalen Sintflut-Mythen wurde das Ende zum Anfang erklärt. Das Bild von der dauerhaften Überschwemmung durch die Flut (jenes Wasser, in dem viele Menschen ertrunken sind), wird im 1. Schöpfungsbericht (= Genesis 1) als ein Ur-Wasser, als ein Urzustand vor der Schöpfung beschrieben. (Bibel: 1. Buch Mose, 1) Natürlich hat es nach diesem katastrophalem Untergang für die Überlebenden auch einen Neuanfang geben müssen. Aber sich einfach von den Sintflut-Berichten >inspirieren< zu lassen und daraus einen patriarchalen Schöpfungsbericht zu konstruieren, zeugt von einer kaltblütigen Abgestumpftheit. Die patriarchalen Mythen-Schreiber haben den ursprünglichen Sintflut-Mythen hemmungslos Versatzstücke entnommen und daraus ihren patriarchalen Schöpfungsmythos (Genesis 1 + Genesis 2) zu erschaffen. Es wurde ein patriarchaler Anfang der Welt proklamiert, wobei jegliches Gedenken und Mitgefühl für das Leid und Ende der Toten mitleidslos herausgestrichen wurde.

   6) Projektion: Bei einer Projektion werden die eigenen Motive dem Gegenüber unterstellt. In Bezug auf den patriarchalen Mythos von Kain und Abel bedeutet das, dass die Aggressivität der nachsintflutlichen patriarchalen Viehzüchter (personifiziert durch Abel, den Hirten) auf die matriarchalen Ackerbauern (personifiziert durch Kain, den Ackerbauen) projiziert wurde.

  7) Verdrängung durch eine Deckerinnerung: Als eine Deckerinnerung wird die Erinnerung an ein verhältnismäßig unwichtiges Ereignis bezeichnet, das einem früheren und bedeutsameren Ereignis ähnelt und die Erinnerung daran zudeckt. Die >ersten Tage< von Adam und Eva im Garten Eden können als eine Deckerinnerung an das Goldene Zeitalter verstanden werden. Diese >ersten Tage< im Garten Eden finden in der Bibel nur eine knappe und beiläufige Erwähnung, die Erzählung fokussiert auf den nachfolgenden Sündenfall von Adam und Eva. Doch aufgrund der Ähnlichkeit (friedlich, sorglos) führen die Assoziationen von den >allerersten Tagen< der Menschheit zum verdrängten Goldenen Zeitalter.
 
 
8) Verdichtung: In der Traumdeutung bedeutet Verdichtung, dass sich die Merkmale verschiedener realer Personen in einer Traumfigur verbinden. Die träumende Person ist sich dann im Wachzustand unsicher, ob eine Traumfigur der Vater oder der Lehrer gewesen sein soll. Als das typische Beispiel einer Verdichtung in der Mythologie gilt die Sphinx, die sowohl Merkmale eines Löwen, eines Vogels und einer Schlange in sich vereinigt. In den patriarchalen Sintflut-Mythen finden wir diese Verdichtung bei den Berg- oder Meeresungeheuern (Ullikummi, Humbaba und Tiamat). Mit diesen Ungeheuern werden die, in der matriarchalen Spiritualität so sehr verehrten, Ahnen dämonisiert, indem sie mit den entfesselten Naturkräften der Sintflut (Vulkan, Meer) gleichgesetzt und somit mit ihnen verdichtet werden, weil ja die Ahnen gemäß der matriarchalen Spiritualität im Berg, im Wasser der Naturheiligtümer wohnen. (s. a. Kap. 7, Totemismus) Nebenbei sei bemerkt, dass auch die Sphinx ursprünglich eine Ahnmutter gewesen ist. Durch diesen Mechanismus der Verdichtung werden mit den Ungeheuern auch die >alten Mächte< (=Matriarchat) insgesamt dämonisiert, denn die Ungeheuer stehen auf ihrer Seite. Der größere Zusammenhang hierzu sei schon mal vorweggenommen: Manche der ursprünglichen Sintflut-Mythen wurden von den patriarchalen Mythen-Schreibern zu einem Kampf zwischen >alten Mächten< (=Matriarchat) und >neuen Mächten< (=Patriarchat) umgedeutet.

8.2.2017