Das Weltbild der Großen Mutter

Eine Zeit vor unserer Zeit

8. 4. 0 Zypern    

Auch auf Zypern sind die jungsteinzeitlichen Gesellschaften friedlich und egalitär gewesen, was faktisch immer mit einer matriarchalen Gesellschaftsordnung identisch gewesen ist. Der „menschheitsgeschichtliche Fall“, d. h. der gewaltsame Umbruch von einer matriarchal-egalitären zu einer patriarchal-hierarchischen Gesellschaft erfolgte auf Zypern, wie auch anderswo, durch die Invasion kriegerischer Männerbünde. Dies geschah in der frühen Bronzezeit, die auf Zypern ca. 2.500 v. u. Z. begonnen hat. Die jungsteinzeitlicher Siedlungen sind um 2.300 v. u. Z. endgültig untergegangen. Diesen gewaltsamen Umbruch zwischen der Kultur der Eteo-Zyprer (= ursprüngliche Bewohner Zyperns) und der Kultur der Invasoren werde ich weiter unten im Text im Abschnitt - Der gewaltsame Umbruch auf Zypern - ausführlicher darstellen.         

8. 4. 1. Die jungsteinzeitlichen Siedlungen auf Zypern – Matriarchal-egalitäre und friedliche Gesellschaften    

Die Siedlungen dieser jungsteinzeitlichen Gesellschaften sind nachgewiesen für den Zeitraum von ca. 8.000 bis 2.300 v. u. Z. Sie sind die ursprünglichen Bewohner Zyperns und werden als Eteo-Zyprer bezeichnet. Ihre Siedlungen haben sie vorwiegend entlang der südlichen Küste von Zypern errichtet. Es wird angenommen, dass diese Siedler in kleinen Booten aus Papyrusstauden über das Mittelmeer gekommen sind. Solche Boote sollen auf Korfu noch bis zum Anfang des 20. Jh. in Gebrauch gewesen sein. (Schneider, Andreas: Zypern Reiseführer, S 103)

Im Thalassa-Museum von Larnaka auf Zypern wurde ein jungsteinzeitliches Boot rekonstruiert, mit dem die Menschen ab 10.000 v. u. Z. das Mittelmeer befahren haben. Seine Größe ist ein etwa jenen Schlauchbooten vergleichbar, mit denen die heutigen Flüchtlinge über das Mittelmeer kommen. Bei den jungsteinzeitlichen Aussiedlern ist im Unterschied zu den heutigen Flüchtlingen aber nicht davon auszugehen, dass sie sich der Gefahr in völlig überfüllten Booten aussetzen mussten.


Bild: jungsteinzeitliches Boot aus dem Thalassa-Museum

Über die ursprüngliche Heimat dieser jungsteinzeitlichen Siedler besteht in der Wissenschaft keine Einigkeit. Jedenfalls ist bei klarem Wetter die Insel vom syrischen und südostanatolischen Festland aus zu sehen, sodass auch die jungsteinzeitlichen Boote nicht einfach auf das Meer hinaus fuhren, sondern ein erkennbares Ziel vor Augen hatten. (Schneider Andreas: Zypern DuMont Kunst-Reiseführer, S 24) Es wird sowohl die Levante (=östliche Mittelmeerküste, Syrien, Libanon, Jordanien, Palästina) als auch Anatolien als Ursprungsheimat diskutiert, wobei lediglich der gefundene Obsidian auf Anatolien verweist. Allerdings könnte der Stein auch in den späteren Phasen der Siedlung importiert worden sein, denn Obsidian war in der Jungsteinzeit ein wegen seiner Härte und Schärfe sehr begehrtes Material für Steinmesser. Die runden Gebäude, die Hirschhorn- und Karneolperlen weisen jedoch auf Syrien und Palästina als Herkunftsort hin. (Wikipedia: Geschichte Zyperns)

Hinsichtlich der Herkunft der Siedler dürfte den Schmuckgegenständen und den Hausformen eine höhere Aussagekraft zukommen als dem Obsidian. Schmuckgegenstände und Hausformen standen damals nicht nur für ästhetisches Empfinden und traditionelle Gewohnheiten, sondern waren Bestandteil der spirituellen Verbundenheit mit den Ahnen. Steinzeitliche Objekte, die heute ausschließlich als Kunstgegenstände“ angesehen werden, hatten damals eine ganzheitliche, d. h.  eine spirituelle, ästhetische und praktische Bedeutung. Das heißt, sie konnten nicht ohne Weiteres, allein aus praktischen oder ästhetischen Erwägungen verändert oder aufgegeben, weshalb davon auszugehen ist, dass sie diesen „Schmuck“, dessen Material es auf Zypern nicht gab, aus ihrer Heimat mitgebracht haben, genauso wie auch ihre Ahnen.

(Bild: Kette aus Karneolperlen?)

Anders verhält es sich mit den Obsidian-Sicheln, sie dürften sich aufgrund ihrer enormen Arbeitserleichterung wegen der Schärfe des Obsidians durchgesetzt haben. Neben Anatolien kommt kommt als Bezugsquelle für den Obsidian auch die griechische Insel Melos infrage. Ob nun so oder so, es ist jedenfalls davon auszugehen, dass die jungsteinzeitlichen Gesellschaften mit ihren kleinen Schilf-Booten Handelsbeziehungen über das Mittelmeer hinweg pflegten.

(Bild: Obsidian-Sicheln)    

Bevor ich das jungsteinzeitliche Dorf Khirokitia näher beschreibe, möchte ich noch einmal die allgemeinen Merkmale jungsteinzeitlicher Siedlungen zusammenfassen. Die egalitäre und friedliche Struktur dieser jungsteinzeitlichen Gemeinschaften lässt sich, wie auch anderswo (bspw. in Anatolien und Südosteuropa), anhand bestimmter Merkmale oder besser gesagt, am „Fehlen“ bestimmter Merkmale belegen. Diese Merkmale betreffen die Art der Siedlungen, ihre Produktionsweise und die Art der Gräber.      

Zunächst lässt sich feststellen, dass diese Siedlungen keinen wehrhaften Charakter haben, also beispielsweise keine Verteidigungsmauern besitzen, wie es in der nachfolgenden Bronzezeit häufig der Fall gewesen ist. In den jungsteinzeitlichen Siedlungen sind auch keine zentralen Plätze mit hervorgehobenen und reich ausgestatteten Herrscherhäusern zu finden. Die Grundrisse der Häuser sind in etwa alle gleich groß. Ebenso gibt es in der Ausstattung der Häuser keine nennenswerten Unterschiede. Etwas größere Häuser konnten allenfalls als Versammlungsräume identifiziert werden, sie geben keine Hinweise auf Symbole von Herrschaft.     

Egalitären Strukturen zeigen sich auch bei den Gräbern. Form und Ausstattung der Gräber sind gleich, Kinder, Frauen und Männer werden in gleicher Weise bestattet. Die Grabbeigaben unterscheiden sich unwesentlich, z. B. Halsketten nur bei den Frauen. Es sind keine Herrschergräber zu finden, diese treten erstmals in der Bronzezeit in Erscheinung.      

8. 4. 1. 1. Khirokitia    

Bislang sind auf Zypern etwa 25 jungsteinzeitliche Siedlungsplätze aus der Zeit von 8.000 bis 2.300 v. u. Z. entdeckt worden. Beispielhaft werde ich auf die Siedlung von Khirokitia eingehen, die zumindest teilweise ausgegraben wurde und relativ gut dokumentiert ist. Von anderen Siedlungen wie Kalavasos-Tenta und Lemba werde ich nur ergänzend Funde und Bilder heranziehen.    

Khirokitia ist eine jungsteinzeitliche Siedlung, die sich an der Südküste Zyperns in der Region Larnaka befindet. Das Dorf ist in der Zeit 8.000 bis 6.000 v. u. Z. und mit einer Unterbrechung von 1.500 Jahren in der Zeit von 4.500 bis 3.500 v. u. Z. besiedelt gewesen. Es wird geschätzt, dass das Dorf von 300 bis zu 1.000 Menschen bewohnt gewesen ist. (Schneider Andreas: Zypern DuMont Kunst-Reiseführer, S 95) Aus den Funden wird ersichtlich, wie die Menschen gelebt haben. In der ersten Siedlungsphase (akeramische Phase) haben die Menschen ihre Gefäße noch aus Stein hergestellt, während sie in der zweiten Phase schon getöpfert haben und Gefäße mit Kammstrichmustern aus Ton gefertigt haben.       

Khirokitia

Sichelblätter aus Obsidian, sowie Getreidemörser und Mahlsteine sind Belege dafür, dass es sich um ein Pflanzergesellschaft gehandelt hat. Die Felder sind mit der Hacke bearbeitet worden. Die Knochenfunde von Ziegen, Schafen und Tauben lassen auf die Domestizierung dieser Tiere schließen. Es sind jedoch keine Tiere im Ort gehalten worden. Der Nachweis von Domestizierung in der Jungsteinzeit wird von den Forschern stereotyp mit „Ackerbau und Viehzucht“ übersetzt. Ich bezweifle diese Gleichsetzung, denn sie widerspricht dem matriarchalen Weltbild. Hinweise auf die Unterwerfung der Tiere, beispielsweise auch als Arbeitssklaven vor den Pflug gespannt, finden sich erst mit dem Beginn des Patriarchats, worauf ich später noch kommen werde. Ob die Menschen von Khirokitia noch zur Jagd gegangen sind, ist nicht eindeutig zu bejahen. Die meisten Autoren behaupten das, doch es gibt auch den interessanten Hinweis, dass in Khirokitia keine Pfeilspitzen zum Jagen mit Pfeil und Bogen gefunden worden sind. (Quelle?)    

Von den Archäologen ist nur ein kleiner Teil der Siedlung ausgraben worden. Die Siedlung hat sich spiralförmig um den gesamten Hang eines Berges geschmiegt, als dessen höchster Punkt, eine steile Felsformation hinter den Häusern des Ortes aufragte. An drei Seiten, nach Norden, nach Osten und nach Süden, waren der Berg und die Siedlung von dem schmalen Flusstal des Flusses Maroni umgeben. Von vielen Punkten des Dorfes dürfte es demnach einen schönen Ausblick zu den gegenüberliegenden Bergen gegeben haben und nach Süden hin über die Ebene, die sich zum Meer erstreckt.      

Anhand der Grundmauern ist immer noch zu erkennen, dass die am Hang gelegenen Rundhäuser eng nebeneinander gebaut gewesen sind, vermeintlich „ohne erkennbare Ordnung“ (Schneider Andreas: Zypern DuMont Kunst-Reiseführer, S 95) Die schmalen Zwischenräume zwischen den Häuserwänden bildeten verschlungene Gässchen, die ca. 1 m breit waren, sodass sich die Menschen in den engen kleinen Gassen ein bisschen wie in einem Irrgarten gefühlt haben dürften.   

Es wird angenommen, dass mehrere dieser einräumigen Rundhäuser, die um eine kleinen offenen Platz gruppiert waren, mit ihren unterschiedlichen Funktionen eine Wohneinheit ergeben haben.  Keines der ausgegrabenen Gebäude ist deutlich größer als die anderen. Also muss die Gesellschaft ziemlich homogen gewesen sein.“(Schneider Andreas: Zypern DuMont Kunst-Reiseführer, S 97)     Auch die fehlende Abgrenzung der einzelnen Wohneinheiten fügt sich in das Gesamtbild jungsteinzeitlicher Siedlungen, die hier wie auch anderswo, für eine matriarchale Clanstruktur sprechen. Hier wohnten die Töchter und Söhne einer Clanmutter Tür an Tür. In manchen Häusern sind in der Mitte des Raumes Feuerstellen und gemauerte Sitzbänke entlang den runden Außenwänden zu erkennen. Bei einigen Häusern sind in der Mitte des Hauses zwei viereckige Säulenreste zu sehen, die wohl die Grundlage eines Zwischenbodens gebildet haben und wohl als Ablage gedient haben.      

Die Toten wurden in Embryonalhaltung im Fußboden der Häuser begraben, was ein Hinweis auf den Glauben an die Wiedergeburt ist. Die Beerdigung innerhalb des Hauses mag uns heutige Menschen überraschen, ist aber ein jungsteinzeitlicher Ritus, der weltweit vorzufinden ist. Als Grabbeigaben wurden weibliche Idole gefunden, die ich als Ahnmutter-Figuren interpretiere, sowie Schmuck und Gefäße. Diese Bestattung im Haus kann kaum anders interpretiert werden, als dass die jungsteinzeitlichen Menschen ihre Ahnen ganz nah bei sich haben wollten. Bei dieser Fundlage bleibt wenig Interpretationsspielraum, sodass auch die Archäologen einräumen, dass die jungsteinzeitlichen Menschen wohl ihren Ahnen ganz nahe sein wollten.

Grab im rekonstruierten Haus in Khirokitia

Die Bestattung im Haus hält die Archäologen allerdings nicht davon ab, bei der Interpretation der manchmal vorgefundenen großen Steine wieder in patriarchale Denkmuster zurückzufallen und sich dadurch in Widersprüche zu verfangen. Ganz in Widerspruch zu dem Wunsch nach Nähe und Verbundenheit mit den Ahnen steht nämlich die Interpretation der großen Steine, die sich vereinzelt in den Grabstätten befunden haben. Diese werden nun dahingehend interpretiert, dass sich die Menschen vor den Toten gefürchtet hätten und so deren Wiederkehr hätten verhindern wollen.

(Bild: Erklärungstafel Zypernmuseum Nikosia)      

Diese Argumentation ist angesichts der beschriebenen Bestattungssituation nicht nachvollziehbar. Wenn die jungsteinzeitlichen Menschen sich tatsächlich vor ihren Toten gefürchtet hätten, welchen Grund sollten sie dann gehabt haben, Ihre Toten im Haus zu bestatten? Diese Furcht vor den Toten beschreibt vielmehr eine Verhältnis im Patriarchat, wenn aufgrund von Krieg und Gewaltverbrechen die lebenden Sieger sich vor der Wiederkehr der überfallenen und getöteten Gruppen und ihre Rache fürchten mussten.       

Die Friedfertigkeit der jungsteinzeitlichen Kulturen und ihre matriarchale Spiritualität legen ein anderes Verhältnis zu den Toten und eine andere Interpretation der Steine nahe. Ich nehme wieder Bezug auf das Totem-Zentrum mit dem heiligen Berg, Fels oder Stein als Wohnort der verstorbenen Ahnenseele. Naheliegender ist die Vermutung, dass die Steine deshalb auf die Gräber  im Fußboden gelegt worden sind, damit die Seelen der Verstorbenen sich in den Stein begeben können. Vorstellbar ist auch, dass dieser Stein später wieder entfernt worden ist und spezielle Riten damit vollzogen worden sind. Von vielen Kulturen, die die Ahnenverehrung pflegen ist bekannt, dass sie ihre Toten zu besonderen Feierlichkeiten wieder ausgegraben und danach erneut beerdigt haben, wie z. B. auch in Mexiko. Hilfreich ist dabei auch der Bezug auf den in der Gegend noch in der Bronzezeit und in der Antike verbreiteten Aphrodite-Kult. Aphrodite wurde nicht als menschliche Figur, sondern in einem Stein verehrt (dazu mehr weiter unten im Abschnitt Aphrodite-Kult)

Bild: Grabbeigaben: Andropomorphe Idole aus Khirokitia Larnaka-Museum  

Auf der Westseite des Berges war die Siedlung durch eine Mauer von den dort liegenden Feldern abgetrennt. Diese Felder waren auch in der Gegenwart, bis zur Zeit der Entdeckung der jungsteinzeitlichen Siedlung bewirtschaftet gewesen. Eine in die Mauer eingelassene Treppe führte vom jungsteinzeitlichen Dorf zu den westlich gelegenen Feldern. Den Besuchern vor Ort erschließt sich sehr schnell, dass diese Mauer den Dorfbewohnern Schutz vor den starken Westwinden geboten hat, denn selbst sonnige Frühlings- und Herbsttage können auf der Insel durch starke Winde als unangenehm kühl empfunden werden. (Khirikitia Treppe in der Mauer)  Diese Mauer, die in einer geraden Linie am Westhang zum Flusstal hinunter führte, wird in den Reiseführern typischerweise und irreführend als ein Hinweis auf kriegerisches Geschehnisse in der Jungsteinzeit gedeutet. Zusammen mit dem Bach, der den Berg an den anderen drei Seiten umfließt, wird dies als ein vermeintlicher Verteidigungsschutz rund um das Dorf interpretiert. (Schneider Andreas: Zypern DuMont Kunst-Reiseführer, S 95) Doch diese Deutung bezweifeln selbst die archäologischen Ausgräber auf ihren Hinweistafeln vor Ort und in ihrem Führer. (Le Brun, Alain: Führer durch Khirokitia, S 17) Es ist ein typisches und irreführendes patriarchales Interpretationsmuster, das sehr eingängig ist, da es doch angeblich „schon immer so gewesen“ ist, es angeblich „schon immer Gewalt und Krieg“ gegeben hat. 

Bild: Khirokitia Mauer und westliche Felder     

Die Besichtigung vor Ort macht deutlich, dass diese Interpretation nicht plausibel ist. Die Mauer am Westhang hatte einen offenen, als Treppe gestalteten Zugang von den westlich gelegenen Feldern ins Dorf. In die Mauer sind zudem einzelne, aus der Mauer heraus kragende Steine eingelassen, die ein Erklimmen der Mauer begünstigt hätten. Die Mauer hatte eine durchschnittliche Höhe von ca. 2 m gehabt, also eine Höhe, die leicht hätte überwunden werden können. Nur an einzelnen Stellen, wo ein Höhenunterschied zwischen dem Dorf und den Feldern ausgeglichen werden musste, erreichte die Mauer eine Höhe von 4 m.      

Auch das schmale Tal des Flusses Maroni, das den Berg an drei Seiten umgibt, wäre kein wirkliches Hindernis für eventuelle Angreifer der Siedlung gewesen. denn die beidseitigen Ufer sind begehbare Hänge, keine steilen Felshänge. Die dem Dorf gegenüberliegenden Hügel sind zudem relativ nah, in Wurfweite von Pfeilgeschossen oder von Steilschleudern, also auch von dieser Seite kein wirklicher Schutz.      

 8. 4. 2 . Der Aphroditekult – Seine Wurzeln in der Jungsteinzeit    

Sowohl die Besonderheit des Aphrodite-Kultes sogar noch in antiker Zeit, als auch die der Stadt Amathous unterstützen die These, dass sich die bronzezeitlichen Städte Zyperns nicht „naturwüchsig“ aus der Kultur der jungsteinzeitlichen Eteo-Zyprer(= ursprüngliche Bewohner Zyperns) entwickelt haben. Von der Stadt Amathous wird angenommen, dass sie, im Unterschied zu den anderen Stadt-Königtümern der Bronzezeit, die Stadt der Eteo-Zyprer gewesen ist. (Schneider, Andreas: Zypern Dumont-Kunstreiseführer, S28)

(Bild von Amathous)

Außer in ihrem Heiligtum in Alt-Paphos (heute: Kouklia) wurde Aphrodite vor allem in Amathous, also in der vermuteten Stadt der Eteo-Zyprer in Südzypern verehrt. (Schneider Andreas: DuMont Reiseführer Zypern, S. 125) Im Unterschied zu den Kultstätten der anderen antiken Göttern hatte der Aphrodite-Kult noch viele Elemente einer jungsteinzeitlichen Religion bewahrt. Die Kultstätten der Aphrodite in Alt-Paphos (=Kouklia) und in der Stadt Amathous liegen an der Süd- und Südwestküste von Zypern, wo sich auch die jungsteinzeitlichen Siedlungen konzentriert haben. Dagegen sind die bronzezeitlichen Städte, die durch den Bergbau und Export des Kupfers zu Reichtum und Macht gekommen waren, eher zum Norden und Nordosten der Insel hin orientiert.      

Nach dem antiken Mythos ist Aphrodite an der Südküste Zyperns bei Petra tou Romiou, in der Nähe der heutigen Stadt Pafos, dem Meer entstiegen und an Land gegangen. Diesen Mythos von der Geburt der Aphrodite interpretiere ich als einen Herkunftsmythos der jungsteinzeitlichen Siedler auf Zypern, der allerdings patriarchal entstellt wurde. Dabei identifiziere ich die angebliche „Geburt“ der Aphrodite aus dem Meerschaum als den zentralen Teil der patriarchale Umdeutung.

Nach dem antiken Mythos war der Gott Uranos von seinem Sohn Chronos entmannt und sein Geschlecht ins Meer geworfen worden, woraufhin aus dem Meerschaum bzw. aus dem Samen des Uranos die Göttin Aphrodite geboren wurde.

Bild: Aphrodite vor dem Thalassa Museum

Für die Freilegung des ursprünglichen Herkunftsmythos ist es hilfreich zu wissen, dass die Degradierung der matriarchalen Ahnmutter zur Tochter oder Ehefrau eines patriarchalen Gottes, eine gängige patriarchale Umdeutungspraxis gewesen ist. Auch die Feindschaft zwischen Vater und Sohn gehörte, wegen des Herrschaftsanspruches des Vaters, zum Repertoire der patriarchalen Themen. Den Namen Aphrodite hat die matriarchale Ahnmutter erst von den griechischen Mykenern, die ca. 1.600 v. u. Z. auf Zypern einfielen, erhalten. Aphrodite ist die patriarchal entstellte „Nachfolgerin“ dieser ursprünglichen Ahnmutter der Eteo-Zyprer. (Schneider Andreas: Zypern DuMont Kunst-Reiseführer, S 140)


Die Idole dieser matriarchalen Ahnmutter sind  in den jungsteinzeitlichen Siedlungen und im Umfeld des Aphrodite-Heiligtums zahlreich gefunden worden. Im Umfeld des Aphrodite-Heiligtums sind es insbesondere die bekannten zyprischen Kreuz-Idole, die auch auf der zyprischen Euro-Münze abgebildet sind.

Bild: Mehrere Kreuz-Idole

Neben der Kenntnis der patriarchalen Umdeutungspraxis bedarf es noch einer weiteren Information, um den jungsteinzeitlichen Ursprungsmythos von der Ahnmutter in seinen Grundzügen rekonstruieren zu können. Diese Information betrifft die Urform der Mythen. Alle alten Völker hatten Schöpfungs- oder Herkunftsmythen, die von ihrer Erschaffung oder von ihrer Herkunft aus anderen Regionen erzählten. Diese Ursprungsmythen betrachte ich als die Urform der Mythen überhaupt. Aufgrund der räumlichen Nähe zwischen dem angeblichen „Geburtsort“ der Aphrodite und den jungsteinzeitlichen Siedlungen mit den Kreuz-Idolen, ist der Rückschluss auf einen inhaltlichen Zusammenhang zulässig. Wegen der Einwanderung der jungsteinzeitlichen Siedler ist es naheliegend, den „Geburtsort“ von Aphrodite am Strand von Petra tou Romiou als den Ort zu identifizieren, an dem die jungsteinzeitlichen Menschen aus der Levante an der südlichen Meeresküste von Zypern an Land gegangen sind.

(Bild: Strand von Petra tou Romiou)

Jungsteinzeitlichen Menschen wäre es undenkbar gewesen, ihre angestammte Heimat zu verlassen, ohne ihre Ahnen mitzunehmen. Ich gehe also davon aus, dass die Menschen aus der Levante in irgendeiner Form auch ihre totemistische Ahnmutter und ihre sonstigen Ahnen aus der alten Heimat mitgebracht haben. Dies könnten Totem-Tiere (= die tiermenschliche Ahnmutter) heilige Steine oder heilige Bäume mit den Ahnenseelen gewesen sein. Wir wissen das z. B. auch von den Erbauern von Stonehenge, dass sie die schweren Blausteine, die den innersten Kreis des Heiligtums bilden, auf ihrem langen Weg von der walisischen Küste mitgebracht haben.

Dem jungsteinzeitlichen spirituellem Denken hätte es durchaus entsprochen, zu sagen, dass dort an diesem Küstenstrich bei Petra tou Rominou die Ahnmutter aus dem Meer ans Land gegangen ist, was dann patriarchal zu, „im Meer geboren“,  umgedeutet worden ist. Ich gehe also davon aus, dass in dem ursprünglichen Herkunftsmythos nicht von Aphrodite, sondern von der Ahnmutter dieser jungsteinzeitlichen Menschen die Rede gewesen ist.

Die an den Heiligtümern der Aphrodite vollzogenen Kulte enthalten noch viele Elemente, die an die jungsteinzeitliche Spiritualität erinnern. Im heutigen Kouklia, dem früheren Alt-Paphos, nicht allzu weit von Petra tou Romiou (dem „Geburtsort“ von Aphrodite) entfernt, befinden sich auch die Reste des antiken Aphrodite-Heiligtums. Dieses Heiligtum ist nie ein klassischer Tempel gewesen, sondern es wurde in alten Texten als ein „offener Hof“ mit „schimmernden Toren“ und einem „duftenden Altar“ beschrieben. (Schneider Andreas: Zypern DuMont Reiseführer, S. 161) Der offene Hof mit den schimmernden Toren weckt Assoziationen an eine Art Naturheiligtum, in dem der Hof noch ein heiliger Garten mit Toren gewesen ist.

(Bild: Aphrodite-Heiligtum in Kouklia)

Interessanterweise wurde Aphrodite, in einem schwarzen Stein verehrt, den man im Aphrodite-Museum in Alt-Paphos besichtigen kann. Der schwarze Vulkanstein erinnert an die jungsteinzeitlichen Felsen und Steine im Totem-Zentrum, die als Aufenthaltsort der verstorbenen Ahnenseelen angesehen wurden und somit als heilige Steine verehrt worden sind.

(Bild: Stein der Aphrodite) (Anmerkung: Auch die kleinasiatische Göttin Kybele wurde noch in einem schwarzen Stein verehrt und auch die Kaaba in Mekka, ebenfalls ein schwarzer Stein, geht auf die Verehrung einer Göttin zurück.)

Der Aprodite-Kult wurd auch nach der Einführung des Christentums weiter praktiziert. „ ... es ist ... noch nicht lange her, dass junge Mütter der Panagia Galatariotissa (der milchspendenden Allheiligen) Kerzen anzündeten vor einem Stein, der in die bronzezeitliche Mauer des Aphrodite-Heiligtums eingebaut war.“ (Schneider Andreas: Zypern DuMont Kunst-Reiseführer, S. 141)Direkt neben der Aphrodite-Kultstätte ist eine kleine Kirche gelegen, die bis ins 20. Jh. den Namen der Göttin Aphrodite getragen hat, Panagia Aphroditissa (= der Allheiligen zur Aphrodite).Offiziell heißt sie Chrysopolitissa, „die (heilige Gottesmutter) von der goldenen Stadt“. (Schneider Andreas: Zypern DuMont Kunst-Reiseführer, S. 141)

Die kleine Kirche ist bis heute zum Schutz vor bösen Geistern mit Bändern verschnürt. (Schneider Andreas: Zypern DuMont Reiseführer, S. 161) Dabei handelt es sich um einen sehr alten heidnischen Brauch, dessen Ursprung ich auf die steinzeitlichen Religion des Totemismus zurückführe. Die Bänder selbst interpretiere ich als die Nabelschnur der Urmutter, ein steinzeitliches Symbol, das uns auch noch aus der sumerischen Religion überliefert ist. Dort wurde die Nabelschnur der Urmutter als DUR.AN.KI bezeichnet. Im Glauben der Sumerer hat sie den Himmel >AN< und die Erde >KI< zum Universum >AN.KI< verbunden. (Bott, Gerhard: Die Erfindung der Götter S203)

Das steinzeitliche Symbol der Nabelschnur verstehe ich auch ein Symbol der Verbindung mit den Ahnen und als ein Symbol des Schutzes  durch die Rückbindung an die Ahnen. (Bild: Kirche Panaia Aphroditissa in Kouglia mit den Bändern)In der heutigen Stadt Pafos (die im Unterschied zu Alt-Paphos, dem heutigen Kouklia, mit f geschrieben wird), gibt es eine Höhlenkirche der heiligen Solomoni, die Agia Solomoni. Trotz christlichen Inbesitznahme verstehe ich den Ort und die dort praktizierten Rituale ebenfalls als Relikte des Aphrodite-Kultes. Dieses Höhlenheiligtum enthält noch die drei zentralen Elemente eines Totem-Zentrums, als da sind: die Höhle, die Quelle und der Lebensbaum. An diesem Lebensbaum werden bis heute heidnische Rituale vollzogen. Er ist von den Gläubigen über und über mit Bändern behangen, die sich dadurch Heilung einer Krankheit oder die Erfüllung eines Kinderwunsches erhoffen. Dieser Lebensbaum wird also heute noch als Wunschbaum und Kinderbaum verstanden, wie ich es im Kapitel Totemismus beschrieben habe.

(Bilder: Lebensbaum Höhle und Quelle in der Agia Solomoni)       

8. 4. 3. Der gewaltsame Umbruch auf Zypern – Der Kupferabbau    

Der gewaltsame Umbruch auf Zypern kam, wie bereits erwähnt, in der frühen Bronzezeit, ca. 2.400 v. u. Z. Die Invasoren waren vor allem wegen der reichen Kupfervorkommen auf Zypern eingedrungen. Im Unterschied zu den jungsteinzeitlichen Eteo-Zyprern kamen die bronzezeitlichen Invasoren vermutlich aus dem Norden, d. h. aus Anatolien. Ihre Herkunft aus Anatolien lässt sich aus den Stilmerkmalen ihrer Keramik (red polished ware und white paintet ware) ableiten. (Wikipedia: Geschichte Zyperns) (Wikipedia: Philia-Kultur)

Die bronzezeitlichen Städte waren eher zum Norden und Nordosten der Insel hin orientiert, denn die Kupfervorkommen lagen nördlich des Troodos-Gebirges. Wie ich im vorausgegangenen Kapitel dargelegt habe, lagen hingegen die antike Stadt Amathous (die vermutete Stadt der Eteo-Zyprer) und die antike Kultstätte der Aphrodite in Alt-Paphos an der Süd- und Südwestküste von Zypern, wo sich auch die jungsteinzeitlichen Siedlungen konzentriert haben. Die bronzezeitlichen Städte waren im Unterschied zu den jungsteinzeitlichen Siedlungen rechteckig angelegt.

(Bild: Karte von Zypern mit den Amathous, Chirokitia, Pafos, Alt-Pafos, Petra tou Romiou, Vounos, Salamis, Enkomi, vgl. auch Karte in: Schneider, Andreas: Zypern Dumont-Kunstreiseführer, S29) (Bild: Beispiele für red polished und white paintet) (Bild: Ausgrabung Kition aus Museum in Larnaka)    

Die Hauptbetätigung der Invasoren war der Bergbau und der Export des Kupfers. Die Eliten ihrer Städte sind durch den Bergbau und Export des Kupfers schnell zu Reichtum und Macht gekommen. Kupfer war in den patriarchalen Gesellschaften ein begehrtes Material, denn es erlaubte, noch effizientere Waffen herzustellen. Die standardisierten Kupferbarren mit einem Gewicht von 30 kg wurden zu einem neuen Zahlungsmittel. Sie wurden in die Form einer ausgebreiteten Ochsenfelles gegossen, denn Ochsen waren das ältere Zahlungsmittel gewesen. war. Wie das Ochsenfell, so verweisen auch die Begriffe für Geld auf ihren Ursprung in den patriarchalen Viehzüchtergesellschaften. Das lateinische Wort pecunia (=Geld) leitet sich ab von pecus (=Vieh). Der Begriff Obolus (= kleiner Geldbetrag) hat seinen Ursprung im obolos, dem spartanischen Wort für Bratspieß. (Schneider, Andreas: Zypern Dumont-Reiseführer, S 219) . Religiöses Symbol dieser ausbeuterischen Gesellschaft sind der Barrengott und gehörnte Gott von Enkomi.

(Bild: Barrengott und gehörnter Gott von Enkomi)    

Die Hierarchisierung der Gesellschaft und die Ausbildung von Machtstrukturen hat sich nicht, wie gern behauptet wird, quasi „naturwüchsig“ aus der Gesellschaft der Eteo-Zyprer (= ursprüngliche Bewohner Zyperns) heraus entwickelt. Aufgrund der archäologischen Funde ist davon auszugehen, dass die jungsteinzeitlichen Gesellschaften von den Invasoren gewaltsam unterworfen wurden und die Herrschaftsstrukturen aufgezwungen bekamen.  (Bild: Waffen der Bronzezeit)    

Wie in der Wissenschaft verbreitet, wird auch für die zyprische Bronzezeit die Herausbildung einer gesellschaftlichen Hierarchie als eine Folge der Differenzierung der Arbeitswelt, hier des Bergbaues, erklärt. Ich teile hingegen die Auffassung von Gerhard Bott, der hierin eine Verwechslung von Ursache und Wirkung erkennt. „In Realität ... bringt nicht der straff organisierte Bergbau, bei dem viele Arbeiter unter Tage schwitzen, die Hierarchie hervor, sondern die zuvor von Kriegern mit Waffengewalt durchgesetzte Hierarchie ist allein in der Lage, einen straff organisierten Bergbau großen Stils, also mit einer großen Zahl gehorsamer Arbeitskräfte, einzurichten, und Fron-Arbeit unter Tage zu erzwingen.“ (Bott, Gerhard: Die Erfindung der Götter, S318)       

8. 4. 4. Der gewaltsame Umbruch auf Zypern – Die veränderten Bestattungsriten      

Trotz der erwähnten Voreingenommenheit der Wissenschaftler  finden wir im Zypernmuseum in Nikosia ((griech. Lefkosia) ein gelungenes museumspädagogisches Projekt (Saal VIII, Salamissaal), das diesen Umbruch sinnfällig darstellt, auch wenn er im Text selbstverständlich nicht thematisiert wird. (vergl. Schneider Andreas: Zypern DuMont Reiseführer, S. 219-221)    

Bei diesem museumspädagogischen Projekt handelt es sich um mit die szenische Präsentation von Bestattungen aus den verschiedenen historischen Epochen. Die Archäologen haben die Gräber so rekonstruiert, wie sie diese bei ihren Ausgrabungen vorgefunden und dokumentiert hatten. Das heißt, in nachgebauten Grabmulden oder Grabhöhlen werden die Grabbeigaben neben den Gebeinen der Verstorbenen genauso platziert, wie man sie vorgefunden hat.      

Diese Art von szenischer Präsentation ist jedoch keinesfalls der Standard musealer Ausstellung. Standard ist vielmehr die katalogisierende Präsentation. Dabei werden die Grabbeigaben nach Objektart getrennt in den Vitrinen aufgereiht, Keramik neben Keramik, Schmuck neben Schmuck, Waffen neben Waffen.

(Bild: Keramik und Waffen in Vitrinen)    

Dabei ist es nicht unwichtig, zu wissen, dass es sich bei den meisten archäologischen Funden um Grabbeigaben handelt und dass wir grundsätzlich aus der Form der Bestattung auch immer Rückschlüsse auf die jeweilige Gesellschaft ziehen können. Doch die verbreitete Art des katalogisierenden Auseinanderreißens von Zusammengehörigem erlaubt es den Besuchern üblicherweise nicht, sich die Fundsituation zu vergegenwärtigen. Umso erfreulicher ist dieses museumspädagogische Projekt im Zypernmuseum, bei dem die Grabbeigaben szenisch in ihrer ursprünglichen Fundsituation rekonstruiert wurden und damit auch Rückschlüsse auf die jeweilige Gesellschaft ermöglicht.    

Das erste Beispiel eines Grabes stammt aus der Kupfersteinzeit (=Chalkolithikum, 3.900 -2.400 v. u. Z.). Die Gräber befinden sich nicht außerhalb der Siedlung, sondern die Toten wurden in den Wohnhäusern unter dem Fußboden begraben. In engen Grabmulden liegen die Toten seitlich zusammengekauert in Embryonalhaltung. Die Grabbeigaben sind Idole, Schmuck und Keramik. Es finden sich keinerlei Kriegswaffen in den Gräbern. Auch Pfeilspitzen für die Jagd wurden nicht gefunden. Es finden sich auch keinerlei Hinweise auf Gewalteinwirkungen oder einen gewaltsamen Tod. Diese Art der Grabbeilegung ist typisch für die gesamte Jungsteinzeit, auch wenn die Örtlichkeit der Bestattung sich im Lauf der Zeit variiert hat, vom Innern des Hauses, zu einer Stelle vor dem Haus oder in extra Grabhäusern.

Bild: Grab aus dem Chalkolithikum

Bild: Grab in den rekonstruierten Häusern von Khirokitia, akeramisches Neolithikum)         

Das zweite Beispiel zeigt ein Grab aus der Frühen Bronzezeit (2.400 – 2.000 v. u. Z.). In der frühen Bronzeit lagen die Friedhöfe außerhalb der Siedlungen. (Schneider Andreas: Zypern DuMont Kunst-Reiseführer, S 26). Hier sehen wir auch andere deutliche Veränderungen. Der entscheidende Unterschied ist, dass ab diesem Zeitpunkt erstmals Kriegswaffen als Grabbeigaben zu finden sind. Dies ist ein eindeutiger Beleg für den Umbruch von einer friedlichen zu einer kriegerischen Gesellschaft. Ein weiterer Hinweis auf gesellschaftliche Umbrüche ist die gestreckte Lage des Toten im Grab. Sie ist der Hinweis auf eine völlig anders geartete patriarchale Religion. Die gestreckte Lage des Toten bedeutet nämlich, dass die Gesellschaft, der dieser Tote angehört hatte, den Glauben an die Wiedergeburt zurückgewiesen hat, weshalb auch die Embryonalhaltung abgelehnt wurde, wodurch in der matirarchalen Religion die Toten auf ihre Wiedergeburt vorbereitet wurden. Der Wiedergeburtsglaube wurde abgelöst durch den Glauben an ein irgendwie geartetes Weiterleben im Jenseits, wofür ausschließlich eine herrschende Schicht, die jetzt erstmals in Erscheinung trat, reich ausgestattet wurde.  

Bild: Grab aus der Frühen Bronzezeit (2.400 – 2.000 v. u. Z.)  

Das dritte Beispiel, ein Grab aus der Mittleren Bronzezeit (2.000 – 1.600 v. u. Z) zeigt ebenfalls die gestreckte Lage der Toten und Waffen als Grabbeigaben. Es handelt sich ebenfalls um  Mitglieder aus der herrschenden Kriegerkaste.


Bild: Grab aus der Mittleren Bronzezeit 2.000 – 1.600 v. u. Z.   

Die rekonstruierten Bestattungen sehen auch in der Späten Bronzezeit 1.400 – 1.200 v. u Z. ähnlich aus (gestreckte Lage der Toten und Waffen als Grabbeigaben)und diese Merkmale setzen sich fort bis in die Zypro-geometische Phase 1.050 – 950 v. u. Z. Der gestreckt daliegende tote Krieger und die Grabbeigaben mit den Waffen sind hier in zwei getrennten Kammern des Grabes untergebracht.


Bild: Grab aus der zypro-geometrischen Phase 1.050 -950 v. u. Z. DSC 05549 und DSC 05550.)      

Dieses museumspädagogische Projektes zu den unterschiedlichen Bestattungsarten wird schließlich durch ein Königsgrab aus Salamis aus dem 8. Jh. v. u. Z. abgeschlossen. Bereits ab dem 10. Jh. v. u. Z. hatten sich auf Zypern 10- 20 Stadtkönigstümer herausgebildet, die sich die Herrschaft über Zypern aufgeteilt hatten.      

Im Königsgrab aus Salamis (Grab 79) wurde kostbarer Hausrat (Bett, Stühle, Kessel) gefunden, der dem König mit ins Grab gegeben worden war. Der Tote war von Pferden auf einem ebenfalls kostbaren Streitwagen in den Dromos (dem breiten Zugangsweg zur Grabkammer) zur Grabkammer gezogen und dort auf einem Scheiterhaufen verbrannt worden. Die Pferde wurden ebenfalls im Dromos getötet und mit dem Toten verbrannt. Den Streitwagen brachte man als Grabbeigabe in die Grabkammer. (Schneider Andreas: Zypern DuMont Reiseführer, S. 220-221)(Bild: DSC 05562 Möbel, DSC 05570 Kessel, DSC 05563 und DSC 05569 Streitwagen)      

Die Bestattungen der Könige in den frühpatriarchalen Königstümern war von Ritualen begleitet, die sich nicht anders als ein sadistische Gemetzel, eingebettet in schwarz-magische Praktiken beschreiben lassen, zumal bei bis zu 6 Pferden, die sich  im Dromos (=Zugangsweg) drängten. Neben den Tieren wurden in den frühpatriarchalen Königstümern teilweise auch die Frauen des Königs in den Gräbern ermordet, wie es die Königsgräber in Sumer und Ägypten, aber auch die Gräber der nach Mitteleuropa eindringenden Kurganvölker bezeugen. Ich finde diese Rituale zeigen recht deutlich, um welch sadistische Männerbünde es sich dabei gehandelt hat.       

8. 4. 5. Der gewaltsame Umbruch auf Zypern - Die Männerbünde und der Pflug -  Die Nekropole von Vounous-Bellapais    

Die Nekropole von Vounous-Bellapais im Norden Zyperns ist ein Gräberfeld aus der frühen und mittleren Bronzezeit. Trotz der massiven Beschädigungen durch Grabplünderungen, die sich vermutlich auf die wertvolleren Gegenstände aus Bronze konzentriert hatten, lässt auch an diesen Gräbern noch der gesellschaftliche Umbruch festmachen. Der Friedhof liegt außerhalb eines Siedlungsbereiches. Die in den Felsen gehauenen Grabkammern haben einen kleinen Zugangsweg.  Auffallend sind auch die unterschiedlich großen Gräber und die unterschiedlichen Grabbeigaben. Besonders reich ausgestattet ist das Grab Nr. 15. Die als Grabbeigabe gefundene Keramik ist nun rot-poliert (redpolished ware) oder weiß bemalt (white paintet ware). (Wikipedia: Friedhof Vounous-Bellapais)    Aus der Nekropole von Vounous-Bellapais konnten auch einige Tonmodelle geborgen und restauriert werden, die ebenfalls im Zypern-Museum in Nikosia zu besichtigen sind. Bei diesen Tonmodellen handelt es sich um die Darstellung von Versammlungshäusern oder Heiligtümern, von Altären und der Darstellung von Ochsen mit Pflügen. Im Reiseführer werden sie etwas nichtssagend als „Zeugnisse aus dem Alltagsleben“ beschrieben werden. (Schneider Andreas: Zypern DuMont Kunst-Reiseführer, S. 219) Ihre Interpretation als „Alltagsszenen“ entspricht auch der Deutung maßgeblichen Archäologen (wie z. B. Desmond Morris, The Art of Ancient Cyprus (1985) 281-283, zitiert nach L. Dollhofer - K. Schaller,).  Ich sehe diese Modelle als Ausdruck des gesellschaftlichen Umbruches und des patriarchalen Herrschaftsanspruches der Invasoren. Zumindest in Bezug auf das Modell eines Heiligtumes aus Grab 22 wird diese Auffassung auch von einzelnen Archäologen vertreten. (Bild: Heiligtum Modell aus Vounous-Bellapais)     „Sturt Manning (1993, 45) sieht das Modell als Beleg für die beginnende Entwicklung von Herrschaftsstrukturen und erblicher Herrschaft. Er deutet die männliche Figur auf dem Sitz („Thron“) als Zentrum der Darstellung, da sie die größte Figur sei und die Aufmerksamkeit auf sie konzentriert sei …. Die Quellen von Leben, Macht, Reichtum und sozialer Reproduktion seien in Form von Vieh und der Frau mit dem Kind um sie versammelt..“(Wikipedia: Friedhof Vounous-Bellapais)

Auch der Archäologe Peltenburg (E. Peltenburg, Constructing Authority: The Vounous Enclosure Model, OpAth 20, 1994, 158). spricht von sozialen und ökonomischen Brüche zwischen Chalkolithikum (=Kupfersteinzeit I. H.) und früher Bronzezeit, die auch aus dem Modell des Heiligtums aus Vounous-Bellapais abzulesen sind. Er folgert daraus das Entstehen einer Oberschicht in der frühen Bronzezeit, die ein massives Interesse daran hat, die neuen gesellschaftlichen Bedingungen als "gottgewollte Ordnung" darzustellen. Diese spiegelt sich nach Peltenburg in der räumlichen Struktur des Vounous-Modells [28]: seitlich des Eingangs stehen Rinder als Statussymbole einer prosperierenden Gesellschaft, damit assoziiert verkörpern Frau und Kind weitere Aspekte von Fruchtbarkeit und Vitalität. Darüber sechs Männerfiguren im Kreis, Abbild der männlichen Entscheidungsträger der Gemeinschaft. Die thronende übergroße Figur gegenüber der "Bukranienwand" präsidiert ein Ritual, durch das die abgebildete Sozialstruktur vor den Symbolen transzendentaler Kräfte ihre Legitimation erfährt: ...“ (Dollhofer, Lotte & Schaller, Kurt: Über die Quadratur kreisförmiger Heiligtümer der kyprischen Bronzezeit, in: Altmodische Archäologie. Festschrift für Friedrich Brein, Forum Archaeologiae Zeitschrift für klassische Archäologie 14 / III / 2000)

Auch ein anderes Ton-Modell aus der Nekropole von Vounous-Bellapais veranschaulicht meines Erachtens den gewaltsamen Umbruch, den menschheitsgeschichtlichen Fall auf Zypern sehr eindrücklich. Auf einer Platte aus Ton sind zwei Ochsenpaare abgebildet, die mit einem Joch verbunden sind und in ihrer Mitte einen Pflug ziehen. Zwei weitere Personen am Rande halten einen Trog oder ein Sieb mit Getreide. Eine weitere Gestalt treibt ein Tier vor sich her. (Schneider Andreas: Zypern DuMont Kunst-Reiseführer, S. 25) (Bild: Pflugmodell aus Vounous-Bellapais, Zypern-Museum)Ich sehe in diesem Ton-Modell den Umbruch von der Hacke zum Pflug, der vom Ochsen gezogen wird und damit die Versklavung des Tieres zur Voraussetzung hatte. Auch in diesem Tonmodell erkenne ich den Stolz der Invasoren über ihren „Besitz“ (Tiere) und ihre neuen „Erfindungen“, nämlich die Versklavung der Tiere. Wie ich bereits erwähnt hatte, hatten die jungsteinzeitlichen Menschen ihre Felder mit der Hacke bearbeitet. Im matriarchalen Weltbild galten die Tiere als die Schwester und Brüder der Menschen und es wäre ihnen nicht in den Sinn gekommen, die Tiere zu versklaven. Die Versklavung der Tiere steht aber durchaus im Einklang mit dem patriarchalen Weltbild. So heißt es in der Schöpfungsgeschichte des patriarchalen Gottes:Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und macht sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“ (Bibel: 1. Buch Moses: 1, 28)Nicht nur die Ochsen, auch die Pferde wurden versklavt und vor die Streitwägen gespannt, wodurch die Überfälle auf andere Völker noch effizienter wurden. Dies bezeugen auch die in der mittleren und späten Bronzezeit auftretenden Abbildungen von Streitwägen auf den Keramikgefäßen. (Bild: Streitwägen mit Pferden auf Keramik, Zypern-Museum) Die Versklavung von Tieren und Menschen waren unabdingbare Voraussetzungen für die permanenten Eroberungsfeldzüge der patriarchalen Gesellschaften. Die versklavten Völker schufteten in den Bergwerken, damit immer effizientere Waffen hergestellt werden konnten und die Frauen wurden zu Gebärmaschinen degradiert, zur ständigen Reproduktion von Soldaten, während die neugeborenen Mädchen getötet wurden.         

8. 4. 6. Der gewaltsame Umbruch auf Zypern – Die Irreführung durch die Archäologie    

Der gewaltsamen Umbruch von matriarchal-egalitären zu patriarchal-hierarchischen Gesellschaften erfährt in der vorherrschenden Archäologie und somit auch auf Zypern, kein Forschungsinteresse. Der menschheitsgeschichtliche Fall wird wie eine „normale Weiterentwicklung“ dargestellt, bzw. sogar als historischer Fortschritt verstanden. Inwieweit das ein bewusster Vorgang ist oder unbewusst erfolgt, ist dabei kaum zu klären, letztlich aber auch nicht entscheidend. Drei Beispiele sollen genügen, um diesen Verleugnungsmechanismus aufzuzeigen:       

1. Beispiel: Bei den älteren jungsteinzeitlichen Idolen, wie z. B. bei einem Idol aus Khirokitia (8.000 bis 6.000 v. u. Z.), wird fälschlicherweise behauptet, dass diese „ungeschlechtlich“ seien, weil in den stark schematisierten Idolen aus Stein keine Dreiecke als weibliches Geschlechtsmerkmal eingeritzt sind. Dieses Argument verleugnet die Tatsache, dass die Ahnmutterfiguren zu den konstanten Fundobjekten gehören, die bis weit in die Altsteinzeit  zurückreichen.

(Bild: Idol aus Khirokitia)    

Weiterhin wird in diesem Zusammenhang argumentiert, dass in der jüngeren Jungsteinzeit (= = Chalkolithikum =Kupfersteinzeit 3.500 – 2.300 v.u.Z.) dann gewissermaßen unerklärlich und plötzlich weibliche Idole verehrt würden, da nun auf den Figurinen häufig, wenn auch nicht immer, ein Dreieck erkennbar sei. (Bild: Kreuzförmiges Idol)     Bei dieser irreführenden Argumentation wird ignoriert, dass diese mütterlichen Idole (und damit auch die matriarchale Spiritualität) eine Kontinuität von der Altsteinzeit bis in die Jungsteinzeit haben. Im Verlaufe von Zehnjahrtausenden haben diese Darstellungen in ihrer Abstraktion oder Konkretion stark variiert. Weiterhin finde ich selbst die Bezeichnung „weiblich“ etwas ungenau,    denn der historische Umbruch erfolgte nicht von einer „weiblichen“ zu einer „männlichen“ Gesellschaftsordnungen, sondern von einer mütterlichen Ordnung zu einer väterlichen „Ordnung“.      

2. Beispiel: Die jungsteinzeitliche „Lady von Lemba“ (ca. 3.000 v. u. Z. = Kupfersteinzeit = Chalkolithikum), hat deutlich weibliche Hüften und gleich zwei eingeritzte Schamdreiecke. Von ihr wird nun behauptet, sie habe einen „phallusartigen“ Kopf, sei demnach also „doppelgeschlechtlich“. (Bild: Lady von Lemba)  Diese waghalsige Interpretation „phallusartig“ und somit „doppelgeschlechtlich“, zielt in dieselbe Richtung wie die obige Interpretation „ungeschlechtlich“. In beiden Fällen wird zwanghaft die Symbolisierung des „Väterlichen“ in die Idole hineininterpretiert, dem aber in der steinzeitlichen Spiritualität noch keine Bedeutung zukam. (Vergl. dazu: Kapitel: Das soziale System des Totemismus. Das Avunkulat, der Mutter-Bruder)    

Um den ungewöhnlichen Hals und Kopf eines steinzeitlichen Idoles zu erklären, wäre es viel naheliegender, an eine tier-menschliche Darstellung zu denken, denn die tier-menschliche Ahnmutter stellt doch die zentrale Figur der totemistischen Spiritualität dar. Viele steinzeitliche Idole haben lange Hälse und fremdartig erscheinende Gesichter, die sich aus der Darstellung eines  eines Vogel- oder Schlangenkopfes erklären. Zum Vergleich das Bild kretischen Idoles, bei der die Schlangenmerkmale offensichtlich sind.

(Bild: Schlangengöttin aus Hiera Petra, Kreta, Bild: altsteinzeitliche Vogelgöttin aus Jena)

27.03.2016
28.03.2016

10.04.2016