Das Weltbild der Großen Mutter

Eine Zeit vor unserer Zeit

  • Vorwort:   

Angesichts des weltweiten islamistischen Terrors verlieren viele Menschen die Hoffnung auf eine friedliche Zukunft. Dieser Hoffnungslosigkeit wird Vorschub geleistet durch eine vorherrschende Geschichtswissenschaft, die uns die Menschheitsgeschichte als eine endlose Folge von Kriegen präsentiert. Das gesellschaftliches Klima ist bestimmt von Resignation und Fatalismus, bis hin zu der Befürchtung, die Menschheit werde sich irgendwann selbst auslöschen.

Angesichts des weltweiten Terrors fragen aber auch manche nach den Ursachen von Krieg und Gewalt. Und sie fragen sich, ob nicht die Welt-Religionen, die angeblich nur den Frieden predigen, gerade die Ursache dafür sind.

Diese Frage ist nicht von der Hand zu weisen, und es macht Sinn, ihr auf den Grund zu gehen. Doch im Kontext von Krieg und Gewalt wäre es irreführend, ganz allgemein von Religion zu sprechen. Vielmehr ist es notwendig, die patriarchalen Religionen* zu problematisieren und darüber hinaus das Patriarchat als gesamtes System, wovon die patriarchale Religion ein Teilbereich ist. (* insbesondere der Islam, das Judentum und das Christentum)

Meine Auffassung, dass nicht nur die streng-islamischen Gesellschaften, sondern auch die westlichen Gesellschaften als patriarchale Systeme anzusehen sind, widerspricht dem in den Medien verbreiteten Sprachgebrauch. Hinter dieser etwas saloppen Verwendung des Begriffes Patriarchat verbirgt sich die irrige Vorstellung, eine Gleichstellung der Frauen bedeute die Abschaffung des Patriarchats. Doch ein bloßer Austausch der Akteure verändert nicht das System. Eine Systemveränderung erfordert die Abschaffung des patriarchalen Welt- und Menschenbildes mit mitsamt seiner ganzen Destruktivität. (Definition des Begriffes Patriarchat: siehe Einleitung)

Um das Patriarchat zu verstehen, müssen wir seine Anfänge kennen. In Anbetracht unserer gesamten Menschheitsgeschichte ist das Patriarchat ein relativ junges Phänomen. Mindestens 2 Millionen Jahre friedliche Menschheitsgeschichte (=Geschichte des Homo) stehen 6.500 Jahre kriegerisches Patriarchat gegenüber.

Der Terror des sogenannten IS liefert uns ein erschreckend anschauliches Bild davon, wie wir uns die Anfänge des Patriarchats vorzustellen haben. Mit den täglichen Nachrichten wird uns vorgeführt, mit welchen Methoden Terrorgruppen einen streng-patriarchalen Terrorstaat aufzubauen beginnen. Erstaunlicherweise sind es ziemlich genau dieselben Methoden, mit denen auch die ersten Terrorsysteme im Frühpatriarchat errichtet wurden. Sich den Anfang vorzustellen, erfordert den Mut, brutaler Gewalt ins Auge zu sehen und sich in die Opfer einzufühlen. Damals wie heute haben wir uns den Beginn eines patriarchalen Herrschaftssystems idealtypisch so vorzustellen: Es beginnt mit dem Überfall auf eine friedliche Gruppe, verbunden mit der sofortige Tötung aller Männer, aller Frauen und Jungen. Bei diesem Terrorangriff werden nur die halbwüchsigen Mädchen am Leben gelassen; sie werden verschleppt, eingesperrt und als Sex- und Arbeits-Sklavinnen missbraucht. Die Fluchtmöglichkeiten der Mädchen werden erheblich reduziert, durch Schwächung infolge von Hunger, ständige Vergewaltigungen, wiederholte Zwangsschwangerschaften sowie durch Abschottung des terroristischen Kerngebietes mit Wachmannschaften. Die Versorgung mit Lebensmitteln, Werkzeugen etc. in diesem Terrorgebiet wird durch Raubüberfälle organisiert. In einem fortgeschrittenen Stadium wird der Menschenraub auf junge Männer ausgedehnt und damit die Arbeitssklaverei ausgebaut, was durch Arbeitslager mit massiven Verteidigungsanlagen und Mauern abgesichert wird.

Diese Praktiken zur Auslöschung von ganzen Gruppen sind auch in der Bibel beschrieben worden, wie z. B. im Krieg gegen die Midianiter. Nachdem die Midianiter besiegt und alle midianitischen Männer getötet waren, forderte Moses von seinen Hauptleuten, auch die Frauen und die männlichen Kinder zu töten. Nur die „unberührten“ Mädchen sollten für die Soldaten am Leben bleiben, damit sie als Sex-Sklavinnen missbraucht werden konnten. Zitat: „Und sie zogen aus zum Kampf gegen die Midianiter, wie der Herr es Mose geboten hatte und töteten alles, was männlich war. [...] Und die Kinder Israel nahmen gefangen die Frauen der Midianiter und ihre Kinder; all ihr Vieh, all ihr Habe und all ihre Güter raubten sie und verbrannten mit Feuer alle ihre Städte, wo sie wohnten und alle ihre Zeltdörfer. [...] Und Moses wurde zornig über die Hauptleute des Heeres […] und sprach zu ihnen: Warum habt ihr alle Frauen leben lassen? […] So tötet nun alles, was männlich ist unter den Kindern und alle Frauen, die nicht mehr Jungfrauen sind, aber alle Mädchen, die unberührt sind, die laßt für euch leben<.“ (Bibel, 4. Buch Mose 31, 7, 9-10, 14-15, 17-18) Es übersteigt fast unser Einfühlungsvermögen, uns vorzustellen, was die kleinen Mädchen durchlitten haben müssen, die von jenen Männern vergewaltigt wurden, die zuvor ihre gesamte Familie ausgelöscht hatten.

Dies war nicht schon immer die menschliche Situation, wie häufig behauptet wird. Erst ab 4.500 v. u. Z. lassen sich derartige kriegerische Verwüstungen archäologisch nachweisen. Die archäologischen Grabungen zeigen Erdschichten mit Brandhorizonten, die sich über Europa, den Nahen Osten und Nordafrika erstrecken. Es sind die Spuren von Zerstörung, Mord und Brandschatzung, die von der vorherrschenden Geschichtswissenschaft bagatellisiert werden. (siehe Kapitel 8) Doch nie zuvor in der Menschheitsgeschichte hatte es derartiges gegeben. In den darunter liegenden Kulturschichten finden sich keinerlei Hinweise auf Gewalt. Die Entstehung dieser ersten patriarchalen Horden sehe ich als Folge einer Traumatisierung durch Naturkatastrophen. Um 3.500 v.u.Z. schafften es diese Terrorgruppen auf der Grundlage ihrer Sklavenhalter-Gesellschaften erstmals patriarchale Staaten zu errichten. Es sind die sogenannten ersten „Hochkulturen“ in Sumer (heute Irak) und Ägypten.

Die aktuellen Horrorszenarien des IS machen es vielleicht etwas schwieriger, in den Erdschichten weiterhin nur Brandhorizonte zu konstatieren und die fehlende Empathie für die Opfer hinter einer Maske der Gelehrsamkeit zu verstecken. Gewissermaßen werden wir durch den IS gezwungen, auch die Vorstellungskraft für den dazugehörigen Terror aufzubringen. Genauso wie heute wurden auch damals friedliche Gesellschaften zerstört und unterworfen. Rauben, Morden, Brandschatzen kennzeichneten den patriarchalen Terror* von Anfang an. Ich nenne es patriarchalen Terror, trotz der Gefahr des Missverständnisses, dass es folglich auch Terror außerhalb des Patriarchats gegeben haben müsste. Das ist historisch nicht der Fall gewesen, dennoch erscheint mir die bloße Bezeichnung Terror für sich genommen zu schwach, weil unser kollektives Vorverständnis Terror nicht zwangsläufig mit dem Patriarchat gleichsetzt. Historisch betrachtet ist Terror immer patriarchaler Terror gewesen und außerhalb des Patriarchats nicht vorgekommen. Auch Frauenraub, Versklavung der Frauen und die Prostitution der Frauen, gehörte schon in den sogenannten ersten „Hochkulturen“ zu den perversen Praktiken des Patriarchats. Schon in seinem Anfang war das Patriarchat sexistisch, rassistisch und tierquälerisch.

Die Anfänge des Patriarchats sind nicht nur durch äußerste Brutalität gekennzeichnet, sondern auch durch die Errichtung eines irrwitzigen, verrückten ideologischen Gedankengebäudes, genannt Religion, wodurch die Menschen einer Gehirnwäsche unterzogen wurden. Ihre verqueren religiösen Geschichten beruhen auf äußerst raffinierten Umdeutungen und Entstellungen der uralten matriarchalen Überlieferungen.

Die Weisheitstexte in den sogenannten „Heiligen Büchern“ der patriarchalen Religionen (Bibel, Tanach, Koran) gehen auf matriarchale Weisheiten zurück. Die Unterwerfung und Aneignung der matriarchalen Kulturen betraf auch deren geistiges Eigentum. Sicherlich, es ist kein Verbrechen, sich Weisheit anzueignen; im Gegenteil, sie sollte als das geistige Eigentum aller Menschen gelten. Doch zu glauben, es sei egal, ob diese Texte matriarchalen oder patriarchalen Ursprungs seien, weil letztlich nur der Inhalt zähle, wäre ein großer Irrtum, denn damit vergeben wir die Möglichkeit, das Wesen des Patriarchats zu erkennen.

Gegen das Gewaltsystem Patriarchat hat es von Anfang an erbitterten Widerstand gegeben vonseiten der unterworfenen Gruppen und es ist vermutlich den Kräften des Widerstandes zu verdanken, dass die matriarchalen Weisheitstexte Eingang in die sogenannten „Heiligen Bücher“ (Koran, Tanach, Bibel) gefunden haben. Die Aneignung dieser Weisheitstexte durch das Patriarchat ist auch ein Zugeständnis an das allgemeine Streben der Menschen nach „Menschlichkeit gewesen.

Gerda Weiler hat in ihrem Buch, „Ich verwerfe im Land die Kriege - Das verborgene Matriarchat im Alten Testament“, deutlich herausgearbeitet, dass die Weisheitstexte des Alten Testamentes (Die Psalmen, Die Sprüche Salomos, Der Prediger Salomo, Das Hohelied Salomos) auf die matriarchalen Kult- und Weisheitstexte von Göttinnen aus dem Vorderen Orient zurückgehen, insbesondere auf die der sumerischen Göttin Inanna, die in den späteren Kulturen als Ischtar, Astarte oder Aschera verehrt wurde. Diese Kult- und Weisheitstexte haben ihren Ursprung in den matriarchalen Naturreligionen, in deren Zentrum spirituelle Ahnmütter standen, die dann im Frühpatriarchat zu Göttinnen umgedeutet wurden. Matriarchale Weisheiten  sind allgemeine Lebensregeln und Empfehlungen und sind nach Gerda Weiler leicht von den strengen patriarchalen Gesetze mit Strafandrohung im Alten Testament (z. B. Steinigung der vergewaltigten Frau, insofern sie nicht vom Vergewaltiger geheiratet wird) zu unterscheiden.  

Zum Vergleich nehme ich die Lebensweisheiten der Schankwirtin Siduri (=Göttin Ischtar) aus dem Gilgamesch-Epos, die auch als salomonische Weisheiten in der Bibel zu finden sind. Zitat:

So gehe hin und iß dein Brot mit Freuden, trink deinen Wein mit gutem Mut; denn dies dein Tun hat Gott schon längst gefallen. Laß deine Kleider immer weiß sein und laß deinem Haupte Salbe nicht mangeln. Genieße das Leben mit deinem Weibe, das du lieb hast, so lange zu das eitle Leben hast, das Gott dir gegeben hat.“(Bibel, Der Prediger Salomo, 9, 7-9) (Vergl. Schrott, Raoul: Gilgamesch, S21).

Darüber hinaus finden sich matriarchale Weisheiten nicht nur im Alten Testament, sondern auch im Neuen Testament in den Predigten von Jesus, was Christa Mulack in verschiedenen Büchern aufgezeigt hat. Bis heute sind die patriarchalen Religionen doppelzüngig. Ja, es stimmt, die - geraubten – matriarchalen Weisheitstexte, predigen den Frieden, auch wenn sie  gewissen Umdeutungen erfahren haben.  Doch zugleich finden sich in den sogenannten ¨Heiligen Büchern¨ der patriarchalen Religionen weiterhin jene Hasspredigten, die die Tötung der Andersgläubigen fordern. Diese Hasspredigten sind die ureigensten „geistigen“ Schöpfungen des Patriarchats.  Die ¨Heiligen Bücher¨ der patriarchalen Religionen haben einen „guten“ Kern, der aus den matriarchalen Weisheitstexten besteht. Doch sie haben auch einen „bösen“ Kern, die patriarchalen Hasspredigten.

Die meisten Gläubigen fühlen sich, ohne es zu wissen,  von matriarchalen Weisheiten angesprochen und ignorieren die Hasspredigten in den „Heiligen Büchern“. Die Theologen verbiegen sich zu merkwürdigen Argumentationen, um die Hasspredigten als „Gottes Wort“ zu rechtfertigen: Sie erklären, die Hasspredigten müssten im historischen Kontext gesehen und anders interpretiert werden. Doch Hasspredigten bleiben Hasspredigten, heute genauso wie vor 2.500 Jahren. Etwaige Reformideen, die Hasspredigten zu entfernen, würden bislang an der Macht der Kirchengelehrten scheitern, weil sonst nicht nur das ¨Wort Gottes¨, sondern die Macht des Klerus unter den Menschen verhandelbar würde. So gehören zum „Wort Gottes“ weiterhin die Hasspredigten, mit all ihren Folgen.

Nicht, weil die menschliche Natur „böse“ ist, sondern weil ein Kern der patriarchalen Religion „böse“ ist und bis heute verharmlost und nicht aufgearbeitet wird, werden die weltweiten Friedensbemühungen immer wieder zunichte gemacht. Die patriarchalen Religionen bleiben ein Wolf im Schafspelz, solange sie nicht die reformatorische Kraft aufbringen, den „bösen“ Kern (=die Hasspredigten) aus ihren „Heiligen Büchern“ zu entfernen.

19.06.2016